Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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aufzuſuchen, iſt nicht rathſam ¹²*). Mit Recht faßt neuerdings ein deutſcher Biograph Guſtav Adolf's den ganzen Kriegsplan Tilly's in damaliger Zeit in den kurzen Worten zuſammen:Er wagte ſich ſeit dem Tage von Breitenfeld nicht mehr an den König s). Seine Armee wurde außerdem geſchwächt durch Abſendung eines Corps nach Böhmen, wo Prag dem Kurfürſten von Sachſen die Thore hatte öffnen müſſen. Die neu angeworbenen und ausgehobenen Truppen konnten die unerſchrockenen, kampfgeübten Veteranen nicht Wegen es war auf ſie kein Verlaß. Es fehlte ihnen an allem, ſo daß Tilly am 3. November 1634, von Hohenhauſen a. T. an den Kurfürſten ſchrieb: Ich kann nicht mehr von der Stelle, denn meine Soldaten ſind nackt und ſterben Hungers; überdies ſſt ſchlechte Witterung eingetreten und hat ſo grimmig gehauſt, daß die Regimenter wie Schnee zuſammenſchmelzen ¹*). Somit erſcheint es uns begreiflich, wenn Tilly nicht den Muth hatte, mit einer ſolchen Armee zu ſchlagen. Nach einer vergeblichen Belagerung von Nuͤrnberg, wo Tilly ausgerufen haben ſoll:Ich ſehe nun wol, daß ich vom Glück nichts mehr zu hoffen habe, hatte der alte Krieger noch einen kleinen Erfolg, wenn man es ſo nennen will, zu verzeichnen, es war das letzte Mal vor ſeinem Tode. Das von den Schweden unter dem Grafen Horn beſetzte Bamberg ergab ſich ihm. Indem er nun die von Wallenſtein auf ſein und des Kurfürſten wiederholtes Bitten zugeſagte Verſtärkung aus Böhmen erwartete, zog er ſich über Erlangen nach Ingolſtadt an der Donau zurück, welches er für das nächſte Angriffsobject des Schwedenkönigs hielt. Unterdeſſen war Guſtav Adolf aus der Pfalz über Frankfurt und Schweinfurt nach Nürnberg marſchirt, hatte in dieſer Stadt unter endloſem Jubel des Volkes ſeinen Einzug gehalten und zog nun in Cilmärſchen nach Süden ¹³⁰). Nachdem der König den Uebergan über die Donau erzwungen hatte, rückte er gegen den Lech vor, an deſſen rechtem Ufer ſich Tilly bei Rain verſchanzt hatte. Hier war es nun, wo die Baiern durch das Feuer der ſchwediſchen Artillerie furchtbare Verluſte erlitten, und Tilly am 5. April 1632 durch eine Falkonettkugel eine Verwundung erlitt, die am 20. April in Ingolſtadt ſeinen Tod zur Folge hatte. Sein Leichnam wurde in der Gruft der den Jeſuiten gehörigen Kreuzkirche zu Ingolſtadt beigeſetzt, von wo er am 21. October 1653 in die Tilly⸗Kapelle zu Altötting verbracht wurde ¹i).

Guſtav Adolf hattedurch dieſe überaus große und wider die natürliche auch Kriegsraiſon erlangte herrliche Victoria den Schlüſſel in das Baiernland erlangt, deſſen Fürſt aber noch von einem herberen Verluſt betroffen worden war. Er hatte ſeinen Hort und treuſten Diener, der Kaiſer einen tüchtigen Feldherrn, das katholiſche Volk den begeiſtertſten Verfechter ſeiner Religion verloren. In Rom ſoll Cardinal Paßmann, als er die Nachricht erhielt, ausgerufen haben:Der Vorhang iſt gefallen, das Spiel iſt aus**)!.

Wenn wir auch nicht in das ungetheilte Lob der ultramontanen Panegyriker Tilly's einſtimmen können, unauslöſchlich ſind ja die Spuren des Reſtitutionsedicts, deſſen eifrigſter Executor der Sieger von Magdeburg geweſen iſt, in der Geſchichte des Proteſtantismus eingegraben, das Eine müſſen wir bekennen: Tilly iſt in dem großen Kriege eine in ſeiner Art einzig daſtehende, epochemachende Geſtalt geweſen, von dem ſein gewaltiger Kriegsgefährte Wallenſtein bei der Todesnachricht mit lebhafter Rührung ausrief:Er hatte nicht ſeines Gleichen. Und ſo ſehr ihn auch ein deutſcher Dichter⸗ genius, entflammt von der Begeiſterung für religiöſe und politiſche Freiheit, in der ſchwungvollen Schilderung des dreißigjährigen Krieges als einen Manndes vom Blute triefenden Schwertes und grauſamer Verfolgung gezeichnet hat, ſo können wir heute, wo das Dunkel über das Leben des vielfach Geſchmähten nach genauen Forſchungen mehr gelichtet iſt, nicht mehr in das allgemeine Verdammungsurtheil einſtimmen. Auch dem Feinde muß man ſein Recht widerfahren laſſen und der Wahrheit die Ehre geben. Ein ſchwediſcher Hiſtoriker, ein großer Verehrer ſeines genialen Fürſten, läßt dem Feldherrn volle Gerechtigkeit widerfahren mit den Worten ³):Die unwahren Berichte über Tilly, die ſeit Jahrhunderten einen Schatten auf ſein Gedächtnis geworfen, haben jetzt alle Glaubwürdigkeitverloren, ſeitdem es durch gründliche Forſchung dargelegt iſt, daß dieſer Feldherr mit Gerechtigkeit und Milde die feindliche Bevölkerung in den Ländern behandelte, die er mit dem Recht des Siegers beherſchte. Ihnn ſchließt ſich ein anderer unparteiiſcher Kritiker an, der folgendes Urtheil fällt ¹⁴): Daß Tilly beſſer geweſen, als ſein Ruhm, daß ihm vom Parteigeiſt ſeiner Zeit unrecht geſchehen, daß er verleundet iſt wie wenige Männer der Geſchichte, iſt eine Thatſache, die in populären Darſtellungen noch immer ignorirtwerden mag, die indes von der kritiſchen Wiſſenſchaft längſt anerkannt worden. Er war der grauſame Wütherich nicht, als welcher er zumal im Hinblick auf Magdeburgs

Vergl.: ¹27) O. Klopp, II. S. 354. ¹28) Droyſen, Guſtav Adolf II. S. 535. ¹29) Villermont, S. 59. 130) Droyſen, II. S. 532. ¹31) Villermont, S. 619. ¹3²) Droyſen, S. 539. ¹33) Abraham Cronholm

1875, überſetzt von Helms S. 371. ¹³) Wittich, Magdeburg, 1874 S. 207 u. 208. 4*