Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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Er empfängt vier Tage nach der Kataſtrophe von einem Correſpondenten aus der Nähe von Weimar einen Brief ¹s), in dem es heißt:Ich kann nicht unvermeldet laſſen, daß anjetzo Dr. Adolf Marcus, Stiftsſyndicus von Magdeburg allhero angelangt und berichtet, daß vergangenen Dienſtag den 10. hujus(alt. Dat.) die Kaiſerlichen die Stadt Magdeburg früh zwiſchen 7 und 8 Uhr mit ſtürmender Hand angefallen und dieſelbe um 9 Uhr alſobald erobert, auch bei ſolchem Einfalle der Oberſt Falkenberg todt geblieben und der Biſchof verwundet und gefangen genommen worden, und hätten theils die Schiffsknechte die Stadt ſelbſt in Brand geſteckt und faſt die ganze Stadt außer dem Dom... in Brand gelegt. Zu erwägen iſt, daß genannter Marcus ein großer Gegner der katholiſchen Reſtauration, ein Schwedenfreund und inniger Anhänger Falkenbergs und ſeiner Partei war und ſomit zu denen in Beziehung ſtehen mußte, welche um den Brand wußten, wenn nicht ſelbſt die Urheber desſelben waren.

2SEs bleibt mir nun noch übrig, ein Gedicht zu erwähnen, es nennt ſich: Saguntina, prosopopoeia weilandt der loͤblichen Anſe⸗nun Anzweh⸗Stadt Magdeburg, welches war eine proteſtantiſche Tendenzſchrift iſt, aber in beredten Worten im Namen der Stadt Magdeburg ſpricht und ein offenes Selbſtbekenntnis ablegt. Es umfaßt achtzehn Verſe; vom zweiten bis zum ſiebenten heißt es folgendermaßen ¹*):

Die Magd und Burg, die feſte Stadt, An Gott durch eine röm'ſche That

Ihr' Jungfrauſchaft geopfert hat.

Gleich wie durch's Feuer ſieben Mal Das Silber und all' rein Metall Probirt muß werden überall:

So Luthriſche Lucretia,

Aufrechte deutſch' Conſtantia,

Bin ich in ewiger Gloria.

Eh' ich die päpſtliche Lig' erkenn' Und ſie mein'n eignen Herren nenn', Viel lieber in das Feuer renn'.

Dem Karl dem Fünft' den Tanz verſag' ¹⁰³), Vom Tilly auch nicht mehr vertrag', Den Bluthund durch mein Feuer jag'.

Als begeiſterter Lobredner der Stadt Magdeburg tritt hier der Dichter auf; in gewaltigem Pathos feiert er die Stadt, daß ſie eine ſo heroiſche That vollbracht hat, indem er auf das Beiſpiel der edlen Römerin Lucretia hinweiſt, welche ſich ſelbſt geopfert hat. Vom glühendſten Haſſe gegen Kaiſer, Reich und Liga erfüllt, dem Schweden, der für die Freiheit und Religion kämpft, bis in den Tod ergeben, fordert der Poet ſchließlich die Deutſchen zur Fortſetzung des ſchweren Kampfes auf. Schenken wir dieſem Zeugnis Glauben, dem Herzenserguß eines erregten feurigen Proteſtanten, ſo müſſen wir geſtehen: die Zerſtörung Magdeburgs iſt eine herrliche Selbſtaufopferung, von ſeinen eigenen Bewohnern ins Werk geſetzt. Und es würde dann damit ſtimmen, was in einem Bericht mitgetheilt iſt):..Iſt die Bürgerſchaft beſchuldigt worden, daß ſie in ihren Häuſern Pulver gehalten und die Stadt ſelbſt angezündet haben, welches ſie, wenn es wahr iſt, und ſie ſolches Willens geweſen, vielleicht in und nach dem Exempel der Numantiner, wie es Plutarchus beſchreibet, gethan hätten, damit ſie ihre Weiber und Töchter vor der Gottes vergeſſenen Schändung errettet und ſie ein ewiges Lob davon gebracht hätten. Die ſtolze, freie Stadt, die eine ſo ruhmvolle Geſchichte aufzuweiſen hat, die mit gluͤhender Begeiſterung den Lehren des Proteſtantismus ergeben war, ſie folgte dem erhabenen Vorbild der Stadt Numantia.Verzweiflung und Fanatis⸗ mus, das ſind die beiden hervorragenden deutlich erkennbaren Factoren der großartigengrauenhaften That, diedasſtolze, feſte, ſchöne und volkreiche Magde⸗

Vergl.: ¹⁰5) Wittich 58, archiv. Beilage Nr. 7. ¹⁰³) Calviſius S. 80 u. 81. ¹) Wittich 5, archiv. Beilage Nr. 12. ¹⁰8) Dieſe Anſpielung bezieht ſich auf das bekannte Spottlied aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: Die Metz und die Magd 4 Haben dem Kaiſer den Tanz verſagt. ¹09) Calviſius, Fax M. S. 62.