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verwildert waren. Daß ſich freilich die Soldaten aufs Plündern begaben, das war einmal die allgemeine Loſung der Soldatesca,„das unbedingt anerkannte Recht“, das kein Feldherr verkuͤmmern konnte; Ausſicht auf Beute lockte ja die Soldaten unter die Fahnen, Ausſicht auf Beute hielt ſie zuſammen ³⁸⁹). Es iſt eine ſpätere Erdichtung ²⁰), daß Officiere der ligiſtiſchen Truppen ſich mit der Bitte an Tilly gewendet hätten„‚dem Blutbade zu ſteuern“, er ihnen aber zur Antwort gegeben habe, ſie möchten in einer Stunde wiederkommen, er würde dann ſehen, was zu machen wäre, der Soldat müſſe einen Erſatz für Gefahren und Anſtrengungen haben. Dieſe Notiz kommt zum erſten Male in dem unzuverläſſigen„le soldat Suédois“ vor, mit dem Zuſatze von Spanheim, dem Verfaſſer der Schrift,„wenn es wahr iſt“. Dieſe Angabe ſteht ſogar im thatſächlichen Widerſpruch damit, daß Tilly Frauen und Kindern vor den plündernden Rotten beſondern Schutz angedeihen, vor mehreren Häuſer Schutzwachen(Salva-Guardi) aufſtellen ließ, an die in den Dom geflüchteten Bürger, Soldaten, Knechte, Geiſtliche und Weltliche, Frauen, Jungfrauen und Kinder, über tauſend Perſonen Commisbrot vertheilen ließ, welche drei Tage nichts gegeſſen hatten ¹½). Freilich der Tadel der größten Intoleranz Tilly's gegen die wenig übrig gebliebenen Proteſtanten läßt ſich nicht verſchweigen, „ſie hat ihren Grund in dem jeſuitiſchen Eifer. Den Proteſtanten wurde der Gottesdienſt skerſast, ſie mußten der Gewalt weichen; der Dom wurde rekatholiſirt und mit einem„Te deum laudamus“ für die eroberte Stadt dem katholiſchen Cultus geweiht. Ein Berichterſtatter ¹*²) weiß ſogar davon zu erzählen, daß Tilly von den vielen Kindern, die in folge der Zerſtörung ihre Eltern verloren hatten,— wie man ſagt—„etliche in Jeſuiter, etliche in gemeine päpſtiſche Klöſter ſchicken will, daß ſie allda auferzogen und zum päpſtlichen Greuel gebracht werden“. Verräth dieſe Schrift auch eine ſehr tendenziöſe Färbung, ſo leuchtet doch daraus die allgemeine Stimmung der proteſtantiſchen Bevölkerung hervor, daß nemlich ſein Bekehrungseifer keine Grenzen kannte und er, wo es das Intereſſe der katholiſchen Kirche verlangte, ſelbſt vor Gewaltmitteln nicht zurückſchreckte..
Aber wenn Tilly an der Zerſtörung von Magdeburg unſchuldig iſt, iſt es dann nicht möglich, daß dieſelbe durch„die gemeine Soldatesca“ geſchehen iſt, welche in ihrem Fanatismus beſtialiſche Nichtswürdigkeiten und Unthaten“ verübte. Immerhin könnte man dieſer Anſicht zuſtimmen,— aber ſollte denn die Soldatesca eigenmächtig und muthwillig die Stadt angezündet und ſich ſomit einen großen Theil ihrer Beute vernichtet hoden Hatten ja doch Feind und Freund unter der Zerſtörung zu leiden. Viel ſicherer iſt die Möglichkeit eines Complotts, welches die Brandſtiftung betrieben habe, wie dies ein neuerer Geſchichtſchreiber nach Venaſſenhaſten Forſchungen in bisher wenig bekannten Urkunden nachgewieſen hat ¹³). Die verſchiedenen Stellen in proteſtantiſchen wie katholiſchen Berichten weiſen uns darauf hin, ſo z. B., wenn es heißt:„an allen Enden iſt Feuer eingelegt“,„an vielen Orten zugleich angezündet“,„zugleich an unterſchiedlichen Orten ange⸗ züͤndet“,„auf einmal an vielen Orten“.
Hierher gehört denn auch der Bericht des Diplomaten Foppius, eines Agenten der Niederlande bei den Hanſeſtädten. Er iſt dem Tilly ſehr verhaßt, hat von Hamburg aus mit großem Intereſſe die Belagerung von Magdeburg verfolgt und viele magdeburgiſche Flüchtlinge geſehen. Er iſt ſogar ſehr aufgebracht darüber, daß ſich die Hanſeſtädte ſo wenig der Bedrängten und Entflohenen annehmen; „ſie geſtatten kaum, daß einige Uebriggebliebene, die hiernackt und verwundet angekommen ſind, hier ein Almoſen ſammeln dürfen“. An ſeinem Neffen Leo van Aitzema ſchreibt er von Hamburg vom 28. Mai, alſo früher, als irgend ein Rapport des Tilly'ſchen Lagers bereits bekannt geweſen ſein kann— die von der kaiſerlichen Partei inſpirirten Berichte: „Summariſcher Extract“,„Ausführlicher und Gründlicher Bericht“ konnten unmöglich ſchon gedruckt und verbreitet ſein—:„Ein Secretär der Stadt, der ohne Hut und Gamaſchen wunderbar entkommen nach der Stadt Braunſchweig, wo ſein Vater Syndicus geweſen iſt, meint, daß der Brand aus Desperation von einigen Bürgern angelegt iſt, und erzählt, daß die inneren Factionen und
Uneinigkeit die Reſiſtenz gelähmt hat, daß die ſchwediſche Garniſon bei den Bürgern keine Liebe 5 Credit gehabt hat, um ihren Unterhalt zu haben, indem ſie hungrig gegen den Feind geführt und matt abgeführt worden ſind: und daß, obwol ſie Mangel an Pulver gehabt hätten, ſie nichts deſto weniger von keinen Bedingungen hatten hören wollen“ ²⁰⁸⁴). Dieſem ſchließt ſich ein anderer Bericht von Brederode an, einem holländiſchen Agenten bei den proteſtantiſchen Fürſten in Oberdeutſchland, welcher aber, als afiu Parteigänger des Winterkönigs Friedrich, von der kaiſerlichen Partei verfolgt, in Baſel ſeinen Aufenthalt hat und mit deutſchen Geſinnungsgenoſſen noch in brieflichem Verkehr ſteht.
Vergl.: 3⁹) Wittich, S. 40. ¹00) Cronholm, Guſtav Adolf S. 372. ¹⁰¹) Calviſius, S. 26. ¹0²) Gründliche und — wahrhaftige Relation S. 7. ¹03) Wittich, S. 45 u. d. f. ¹⁰4) Wittich, S. 51; archiv. Beilage No. 11.


