Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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der Röm. Kaiſerl. Majeſtät ꝛc., ja dem ganzen Reiche viel gelegen, ſo ganz in Aſche geleget und daß das leere Neſt eine geraume Zeit nicht viel nützen werde. Es geht alſo aus dem Bisherigen hervor, daß, wenn überhaupt durch die Eroberer die Stadt in Brand gerathen iſt, kein Befehl von Tilly vorhanden iſt, der denſelben verurſacht hätte. Aber vielleicht von Pappenheim? Freilich, er freut ſich ſehr über den Fall von Magdeburg, wie oben mitgetheilt wurde; aber wenn er der Zerſtörer geweſen wäre, würde er dann in einem Schreiben an den Kaiſer, dem alles daran lag, dieſe Stadt auf gütlichem Wege in ſeine Gewalt zu bekommen, ſo ſehr mit dieſer gottloſen That geprahlt haben? Er freut ſich zwar über die Eroberung der Stadt, aber die Zerſtörung bedauert er nach einem anderen Bericht an Max von Baiern ³⁴⁹):Es iſt gewiß ſeit der Zerſtörung Jeruſalems kein greulicher Werk und Strafe geſehen worden. Wir viſſen ferner, daß er vor der Einnahme von Magdeburg den Kaiſerum einige im Bereich der Stadt liegende Güter bat, daß er nach des Generals Mansfeld Ausſagen ſelbſt Burggraf von Magdeburg werden wollte, mußte aber nicht die Zerſtörung ſeine innigſten Wünſche vereiteln, und würde er dazu die Hand hergegeben haben? Wol hat er den Sturm geleitet, die Stadt erobert, aber nicht zerſtört. Auch Tilly kann die Zerſtörung der Stadt ſchon aus ſtrategiſchen Gründen nicht gewollt haben; mußte ihm ja vielmehr alles daran liegen, ſie unverſehrt zu erhalten ⁵⁵). Hätte er ſich denn damit nicht der Baſis für ſeine militäriſchen Operationen beraubt, des Stützpunktes für ſeine Armee? Bildete die Stadt nicht bisher die Schutzwehr nach Norden gegen die Schweden, und konnte er im Falle der erſtörung noch auf einen militäriſchen Erfolg rechnen? Die Niederlage bei Breitenfeld war zum Theil die kriegeriſche Frucht der Vernichtung Magdeburgs. Und weiter, wo anders konnte Tilly den Unterhalt für die mit Entbehrung kämpfende Armee finden als in den gefüllten Vorrathskammern der Stadt? Proviant war noch in Hülle und Fülle da. Heißt es doch:Als nun der Brand ſo ſchnell überhand genommen, iſt dem Feinde viel ſtattliche Beute im Feuer entgangen, dem gewißlich an Proviant noch in Jahr und Tag nichts würde gemangelt haben; die Speckſeiten, Schinken und Würſte ſind in dem mächtigen Feuer herumgeflogen wie die ſchwärmenden Raketen, und ſind bei etlichen Bürgern 2300 Speckſeiten efunden worden. Item an allerhand Getreide, an Wein und Bier, an köſtlichen Heinſuen Weinen eine unglaubliche Nothdurft, von welchen Früchten, Victualien und Getränken der Feind ſein ganzes Lager eine geraume Zeit ſpeiſen können ¹⁶⁸). Tilly mußte in den Beſitz der Stadt gelangen, das war der Wille ſeines Kaiſers, hatte dieſer ja ſchon ſeinen Sohn zum Adminiſtrator des Erzbistumes deſignirt. Anfangs verſuchte der Feldherr, wie oben mitgetheilt, auf gütlichem Wege die Stadt zur Capitulation zu bewegen, er ſchickte an verſchiedenen Tagen Schreiben an den Rath und verſicherte denſelben der kaiſerlichen Gnade, falls er die Stadt über⸗ geben würde. Erſt nachdem ſich die Stadt hartnäckig geweigert hatte, und er den herannahenden Entſatz durch die Schweden fürchtet, gibt er zögernd den Befehl zum Sturm. Sollte nun der Feldherr, der den Sturm nur ungern ins Werk geſetzt, der Urheber einer Zerſtörung ſein? Freilich ermunterte er ſeine Soldaten durch die Ausſicht auf Beute, heißt es doch**):Tilly habe ſeinen Soldaten den Mund geſchmieret, damit ſie beherzt anliefen, und hätten ſie auch gute Beute an Kleidern, Geſchmeide, Geld, Bier an tauſend Faß, welches alles im Keller verborgen geweſen, erlanget. Auch guten rheiniſchen Wein ließ Tilly Soldaten und Officieren einſchenken,welcher eine gute Courage gab ⁸⁸). Aber beweiſt dies, daß Tilly Schuld trägt an der Zerſtörung? Es beweiſt nur, daß er den Widerſland der Stadt mit allen geſetzlich und militäriſch erlaubten Mitteln brechen wollte.) Dem Feldherrn mußte vielmehr vor allen Dingen daran liegen, die Stadt zu erhalten, da er dann erſt in vollem Umfang das Reſtitutionsedict ausuͤhren und ſeiner innerſten Ueberzeugung nach das gottwolgefällige Werk der Converſion mit Nachdruck betreiben konnte. Das Bollwerk des Luthertums, das Centrum des Proteſtantismus in Norddeutſchland mußte in einen Stützpunkt des Kaieeinndus umgewandelt werden, um ihm ſomit einen dauernden Halt für ſeine katholiſchen Reformbeſtrebungen zu geben. Aber ein zerſtörtes, entvölkertes Magdeburg konnte niemals dieſem Fmece dienen. Es ergibt ſich mithin aus dem Geſagten Folgendes: als Diener des Kaiſers und recutor des Reſtitutionsedicts, als Kämpfer für die Intereſſen der katholiſchen Kirche, als umſichtiger Feldherr konnte er die Zerſtörung Magdeburgs nicht beabſichtigen. Seinen perſönlichen Anſtrengungen gelang S ſogar, den Dom, das diebfräuenkloſter und einen Theil des Neumarktes vor der Zerſtörung zu bewahren.. Die Grauſamkeiten, welche in Magdeburg verübt wurden, ſind dem Feldherrn nicht zu zuſchreiben. Er hatte nach der Erſtürmung der Stadt keine Wewalt mehr über die Truppen, die mehr oder weniger

) Wittich, S. 39. Anmerk. 9⁵) Ebenda S. 38. ⁹⁸) Calviſius, Fax Magdeb. S. 59. ⁹7) Calviſius

Vergl.: 94 S. 41. ⁹⁸) Calviſius, S. 106, Ackermann.