Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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ſichPrimat in Germanien nannte. Durch ſeine günſtige Lage beherſchte es die Elbe, war der Mittelpunkt des Verkehrs zwiſchen Nord⸗ und Mitteldeutſchland, vermittelte den Handel mit den Hanſe⸗ ſtädten und war wichtig als Paß und Feſtung. Die ſtrategiſche Bedeutung hat auch der General Pappenheim erkannt, wenn er ſie für dasFundament und Centrum des Krieges erklärt. Selbſt für die Kriegsoperationen in Mecklenburg, in der Neumark und Schleſien hatte ſomit das Erzbistum die größte Wichtigkeit; es bildete ja den Schlüſſel der ſtrategiſchen Berechnungen und Unternehmungen. Auch nach der Kataſtrophe blieb es noch immer wichtig. Durch die Zerſtorung von Magdeburg hat Tilly den größten Verluſt erlitten, indem er dadurch die Baſis und den Halt für ſeine militäriſchen Operationen verlor und in Verlegenheit gerieth, die Guſtav Adolf klug auszubeuten verſtand und dadurch die ſiegreiche Schlacht von Breitenfeld herbeiführte, welche den Proteſtantismus in Deutſchland vor dem Untergang rettete.

Nach ſeinem Aufbruche von Regensburg geht Tilly zunächſt zu ſeiner Armee in der Nähe von Hameln 3), um die Weſerlinie gegen die etwa einbrechenden holländiſchen Truppen zu ſichern. Hierauf zieht er, nachdem er ſeinen General Pappenheim zur Belagerung von Magdeburg vorausgeſchickt hatte, auf Halberſtadt los. Im December 1630 erſcheint er ſelbſt vor dieſer Stadt, um die Belagerungstruppen u verſtärken. Nach einem vergeblichen Verſuche, auf gütlichem Wege Stadt und Feſtung zu gewinnen, ſol Tilly doch den Bewohnern angeboten haben, die Feindſeligkeit aufzuheben, wenn die Stadt ſich wieder in Kaiſ. Maj. Devotion und der Herr Adminiſtrator mit ſeinem Volke zu ihm ſtoßen und zugleich den Schweden mitangreifen helfen wollte, ¹) zieht er wieder nach Halberſtadt, dem früheren Hauptquartier Wallenſteins, zurück. Von hier wendet er ſich mit Zurücklaſſung Pappenheims vor Magdeburg direct gegen Guſtav Adolf, deſſen Truppen in Pommern ſiegreich vordrangen. Ihm mußte es vor allen Dingen daran liegen, den Plan des Schwedenkönigs, der durch die Falkenbergiſche Cooperation die kaiſerlich⸗ligiſtiſchen Truppen von ſich abziehen und dadurch freie Hand gewinnen wollte, zu vereiteln und ihn deshalb vorher zu einem Kampfe zu nöͤthigen.

Er ſchrieb in jener Zeit an Max von Baiern, er müſſe alles thun, damitsedes belli nicht weiter nach Süden verlegt werde. In Frankfurt a. O. vereinigte er ſeine Truppen mit denen des Generals Schaumburg. Aber welch ein Heer war dies! Aufs tiefſte ſoll Tilly durch den Anblick dieſer Truppen, in welchen die Disciplin gelockert war, deprimirt worden ſein. In einer melancholiſchen, perzweiflungsvollen Stimmung ſoll er ausgerufen haben:Das iſt kein Volk, den Schweden damit zu ſchlagen; mit dieſem Volke kann ich meine Reputation, die ich ſo lange erhalten, nicht haſardiren). Aus dieſem Grunde unternahm es der bedächtige, beſonnene Feldherr nicht, ſich dem ſiegreich vordringenden Schwedenkönig, deſſen Armee größer als die ſeinige war, im Felde gegenüber zu ſtellen. Es kann ihm alſo dieſe Zögerung nicht zum Vorwurf gemacht werden, vielmehr iſt ſie ein Beweis für ſeinen militäriſchen Scharfblick. Würde nicht auch in Folge einer ſeinerſeits erlittenen Niederlage(dieſe war ja immerhin denkbar) der Plan einer Entſetzung Magdeburgs durch Guſtav Adolf der Verwirklichung näher gekommen ſein und ſomit ſich das erfüllt haben, was Pappenheim ſchon lange vorher in einem Schreiben an Max befürchtet):Alles iſt zum Erleiden, wenn er(Guſtav Adolf) nur kein formirtes Corps in Magdeburg bringet. Denn wo das geſchieht, ſo iſt ganz Niederſachſen von Rebellionen überſchwemmt, die Elbe verloren, und werden die mächtigen Hanſeſtädte ſammt allen Malcontenten (deren wenige ſo es nit ſein) die Maske abziehen. Da Guſtav Adolf Miene macht, in Mecklenburg einzufallen, zieht ſich Tilly nach Brandenburg zurück. Unterdeſſen nimmt der Schweden⸗ könig nach kurzer Belagerung die Stadt Demmin und zieht wieder an die Oder.

Auf dem Marſche erhielt der General Nachricht von dem Falle dieſer Stadt, er nimmt dafür an den Schweden Revanche durch die Eroberung von Neubrandenburg, 17. März 1631, wo eine ſchwediſche Beſatzung lag. Furchtbare Exceſſe ſollen von den durch ihre Leidenſchaft hingeriſſenen Siegern gegen die wehrloſe Einwohnerſchaft ausgeübt worden ſein, verfiel doch nach dem Kriegsrechte die Stadt der Plünderung). Die Truppen Tilly's hieben nach einer Angabe des Generalquartiermeiſters Ruepp 700 Mann nieder, darunter auch eine Anzahl Bürger. Nur wenige wurden zu Gefangenen gemacht; der ſchwediſche Commandant Kniphauſen mußte ſich ergeben. Nach einer jahrelangen Friſt erſchlaffender Ruhe und zuchtloſen Campirens hatte das kaiſerliche Heer wieder zum erſten Mal eine Wafefenthat, eine Probe beſtanden. Tilly rühmt ſein Heer, welches mitFuror gekämpft und ſo armſelig es mit demſelben beſtellt iſt, mit einer guten Reſolution angegriffen und ſicher erwieſen.

. Von jetzt an änderte Tilly ſeinen Kriegsplan. Er und ſeine Officiere hatten nach und nach die Ueberzeugung gewonnen: Guſtav Adolf wolle um keinen Preis ſich mit ihm ſchlagen, ſondern nur durch fortwährende Diverſionen ihn zu ermüdenden Märſchen zwingen und aufreiben. Schrieb er doch an

Vergl.: ²³) Wittich, Magdeburg S. 290.) Calviſius, das zerſtörte und wiederaufgerichtete WMaddeur S. 166. ) Wittich, Magdeburg ꝛc. S. 342. ²⁶) Ebenda S. 320.*²) Ebenda S. 400 und O. Klopp If. 157.

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