Lob auch Tilly als Feldherr zu theil werden muß, ſo ſehr verdient er von proteſtantiſcher Seite den Vorwurf der rückſichtsloſen Durchführung des Reſtitutionsedicts.
Um ſo mehr ſteigerte ſich Tilly's Bekehrungseifer, als Wallenſtein, der nebſt dem Hofkriegsraths⸗ präſidenten in Wien gegen jenes Edict ſein Bedenken hatte, auf Betreiben der Kurfürſten in Regensburg 1630, welchen des mächtigen Feldherrn Rüſtungen und Contributionsſyſtem Furcht einflößten, abgeſetzt wurde ⁶³). Der ligiſtiſche General übernahm nun auch noch den Oberbefehl uͤber die kaiſerlichen Truppen und damit ein ſchweres Amt. Zwar hatte er bisher ſchon verſchiedene Heere commandirt; die geiſtlichen Kurfürſten, die Mitglieder der Liga, die wegen Geizes, aus Mangel an Opferwilligkeit nachläſſig ihre Hilfsgelder ſchickten, hatten ihm das Leben ſchon verbittert. Aber die jetzige Stellung hatte um ſo mehr ihre Schwierigkeit, als er einerſeits den Vorſchriften des Baiernherzogs nachkommen ſollte,„der doch in ſtrategiſchen Dingen ein bloßer Dilettant war“, anderſeits auch den keiſerlichen Inſtructionen Folge leiſten ſollte.„Er wurde,“ wie ein Geſchichtſchreiber ſagt,„auf das Marterbett eines doppelten Herrendienſtes geſtreckt*)“. Er fand bei dem Kaiſer wenig Unterſtützung, und Wallenſtein behauptete nach wie vor bei dem Kaiſer ſeine Autorität und erhielt Tilly's Propoſitionen zur Begutachtung ⁵⁸). Er erbte den Haß des deutſchen Volkes, welchen das Wallenſteiniſche Regiment hervorgerufen hatte, erbte das Elend, ohne die Mittel zu bekommen, ihm abzuhelfen. Was konnte er erſt von den Officieren erwarten? Pappenheim, der ſelbſt die Hoffnung auf den Oberbefehl gehabt hatte, fügte ſich nur mit Ungeduld dem Commando Tilly's. Er murrte manchmal, gehorchte aber, meiſtens in den Fällen, wo er mit Tilly's Abſichten übereinſtimmte. Niemals aber kann von dieſem geſagt werden, daß er Tilly als einen unfähigen Feldherrn verachtet habe. Er ſchreibt an Max aus dem Lager von Magdeburg 31. März 1631 ²):„Ich erkenne Gottes und Ew. K. D. Dienſt, Seiner Excellenz(Tilly's) mir erzeigte gute Tractements und Wolthaten und meiner Schuldigkeit gemäß, dieſelbe aufs höchſte und mehr als meinen leiblichen Vater zu veneriren in Allem unterthänig und gehorſam zu ſein und, anſtatt mich über ſeine Excellenz zu beklagen, ſie über alle ſterb⸗ liche Menſchen zu loben und zu lieben.“ Und weiter ſchreibt er in demſelben Monate an den Kurfürſten von Mainz, indem er die materiellen Kräfte Tilly's und Guſtav Adolf's gegen einander abwägt:„Dieſes Spiel ſtehet nit am Glück, ſondern mehreres an der Stärke, inſonderheit, weil ſie beiderſeits gute Meiſter ſind und ihren Vortheil wol in acht nehmen.“ Warum hat Tilly aber ein ſo ſchweres Amt übernommen? Perſönlicher Ehrgeiz lag ihm wol fern, hatte er es ja, ſein Alter vorſchützend, anfänglich zurückgewieſen. Tilly war durch und durch Soldat, als ſolcher wollte er lieber ſterben in ſeinem Berufe, als in einer ſolchen großen Noth zurücktreten. Die Uebernahme dieſes Poſtens galt ihm alſo als eine militäriſche Pflicht; auch hoffte er durch Unterſtützung*³⁰) den Krieg ſiegreich fortſetzen zu können. Als eine beſondere Herzensſache galt ihm die Aufrechterhaltung des Reſtitutionsedicts, ſo groß auch die Aufregung unter den Proteſtanten war. Vor allen Dingen war es ſeine Abſicht in des Kaiſers Namen dem ſchon lange geplanten Einfall der Schweden entgegenzutreten.
Sehen wir näher zu. Der Schwedenkönig Guſtav Adolf, einer der bedeutendſten Fürſten und genialſten Feldherrn ſeiner Zeit, war am 25. Juni 1630 an der Nordküſte Deutſchlands, in der Nähe der Inſel Rügen gelandet*). Politiſche und religiöſe Gründe, auf welche ich hier nicht näher eingehen will, hatten ihn veranlaßt, den in Folge des Reſtitutionsedicts in Deutſchland unterdrückten Proteſtanten zur Hilfe zu kommen und dem die Freiheit Europas bedrohenden Hauſe Habsburg ſich entgegenzuſtellen. Bei ſeinem kriegeriſchen Unternehmen rechnete er auf Frankreichs Hilfe, hatte ihm ja der in Frankreich allmächtige Miniſter Cardinal Richelieu, der ſchon kurz nach dem Lübecker Frieden das bedeutungsvolle Wort ausſprach:„Ce roi de Suède étoit un nouveau soleil levant“, Geld⸗ und Truppenhilfe zugeſagt. Er rechnete auf holländiſche und ſchottiſche Subſidiengelder und Truppen; auch ſollten die Türken während des deutſchen Krieges ihren Angriff gegen den Kaiſer erneuern. Er ſetzte ſeine Hoffnungen auf die Sympathien der unterdrückten Gemüther in Deutſchland, die nach einer Gelegenheit zu ihrer Befreiung ſeufzten, auf die große Menge der Malcontenten im deutſchen Reiche, die auf ihn als auf ihren„Meſſias“ harrten. Die meiſte Unterſtützung verſprach er ſich aber von dem Aufſtande der von Wallenſtein arg heimgeſuchten und jetzt durch das Reſtitutionsedict hart bedrohten Bewohner von Magdeburg. Auf die Noth dieſer Stadt baute Guſtav Adolf ſeinen Kriegsplan. Sie war ja, wie der ſchwediſche Geſchichtſchreiber Chemnitz ſagt,„die Baſis und der Grund der Wanzen Expedition, woran alles mit einander gelegen ²)“. Maßdehnen war das
ollwerk des Proteſtantismus, war die Hauptſtadt des wichtigſten Erzſtiftes von Norddeutſchland, das
Vergl.: 66) Ranke, Geſchichte Wallenſteins S. 163 u. 164. 67) Droyſen, Guſtav Adolf S. 236 u. 280. 68) Dudik. 6⁰) Wittich, Magdeburg ꝛc. S. 244. Brief aus dem Dresdener Archiv.*⁰) Hurter, Geſchichte Wallenſteins S. 367. 7¹) Wittich, Magdeburg ꝛc. S. 221. 2²) Ebenda, Einleitung.


