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„Es iſt das Endurtel in einem nunmehr über ein Jahrhundert geführten großen Prozeß“, ſagt ein neuerer Geſchichtsſchreiber,„die Evangeliſchen werden durchaus condem⸗ nirt, den Katholiſchen wird vollkommen Recht gegeben“ ³⁸). Der bisherige Erfolg des Hauſes Oeſtreich, die ſtrenge Religioſität des Kaiſers,„dem das Seelenheil ſo vieler Hunderttauſende am Herzen liege“, und die Wiedererſtarkung der katholiſchen Majorität im Reichstage bedingten die Verhängung jener grauſamen Maßregel über Deutſchland. Dazu unterſtützte der päpſtliche Nuntius des Kaiſers Plan mit dem Gewichte ſeiner Autorität. Wie konnte man auch von einem ſolchen Kaiſer etwas Anderes erwarten, von dem es hieß: Auditus est non sine admiratione dicere, occurrentibus sibi eodem loco ac tempore angelo et sacerdote, se primum sacerdoti, deinde angelo honoris officium persoluturum ⁵). Schon als achtzehnjähriger Jüngling, da er die Regierung von Steiermark übernahm, ſoll er geäußert haben,„er wolle lieber das Brod vor den Thüren betteln und ſich in Stücke hauen laſſen, als die Ketzer länger in ſeinem Lande dulden. Gerne würde er ſeinen Kopf hergeben, wenn er dieſelben dadurch bekehren könne ²⁸³)“. Anſtatt daß der Kaiſer die Parteien hätte verſöhnen, allen Proteſtanten hätte Gewiſſens⸗ freiheit und Duldung gewähren ſollen, erklärte er:„Es bleibt uns nichts übrig, als dem beleidigten Theile beizuſtehen und unſere Commiſſarien abzuordnen, um alle ſeit dem Paſſauer Vertrag eingezogenen Erzbistümer und Bistümer, Präla⸗ turen, Klöſter und andere geiſtliche Güter von ihren unbefugten Inhabern zurückzufordern“ ³⁹). Welche Conſequenzen dies Edict nach ſich zog, iſt bekannt. So ſehr man auch von ultramontaner Seite beſtrebt iſt, den rechtlichen Grund dieſes Edicts darzuthun, ſo müſſen es doch ſelbſt die Vertheidiger als einen„politiſchen Fehler“, als einen„argen Misgriff“ der kaiſerlichen Gewalt anerkennen ⁰).
An der Ausführung dieſes Edicts nahm nun Tilly einen hervorragenden Antheil. Er und der Biſchof Franz Wilhelm von Osnabrück hatten die Miſſion, in Norddeutſchland den katholiſchen Glauben in ſeinem alten Glanze wiederherzuſtellen. Gab es einen willkommeneren Auftrag für Tilly, der damals an den Hochmeiſter des Deutſchordens Hans Kaspar von Stadion ſchrieb 6r):...„Ich habe erfahren, mit welchem Eifer und welcher ruhmvollen Bereitwilligkeit E. H. bei dem letzten Reichstage die Intereſſen des gemeinen Weſens verfochten haben.— Es wäre darum nur gerecht, wenn S. K. M, unſer huldreicher Herr und Gebieter, Sein Mögliches thun wollte, um die Macht und Auesbreitung der katholiſchen Kirche, außerhalb welcher kein Heil iſt, zu vermehren.“ Jetzt mußte der bis zum glühenden Fanatismus geſteigerte Glaube Tillys die beſten Früchte treiben. Jetzt waren die Bekehrungsverſuche von Kaiſer und Reich gewiſſermaßen ſanctionirt; als ein willfähriges Werkzeug der katholiſchen Partei half er dieſe zur Ehre Gottes und der allgemeinen Kirche ausführen. Die Humanität, die Toleranz mußte, angeſichts dieſes großen Ziels, zurücktreten*); und wo ſie zur Anwendung kam, dem Bekehrungseiſer Vorſchub leiſten; ſie ſollte nach ſeinem eigenen Bekenntniſſe dem„Gott wol⸗ gefälligen Werke der Converſion dienen)“! Aber dieſe Humanität hörte auch, wie wir in dem eroberten Magdeburg ſehen werden, rückſichtslos auf, ſo bald der richtige Zeitpunkt zur Bekehrung gekommen war. Der„Heilige in Harniſch“ iſt vielmehr das Urbild der bewaffneten Intoleranz. Und wie ſehr auch der beſonnene Geſchichtſchreiber Magdeburgs behauptet ³⁴), daß weder der Kaiſer noch auch Tilly die Reformation in der Religion bei der Stadt niemals geſucht, ſondern nur die allerunterthänigſte Devotion und Submiſſion begehrt,“ ſo wird doch dies thatſächlich dadurch widerlegt, daß Tilly am erſten Sonntage nach der Einnahme den Dom zum Katholicismus einweihen, eine Proceſſion zahlreicher Pröpſte und Mönche von dem Dome aus nach dem nahen Kloſter U. L. F. veranſtalten ließ. Er verſagte ferner den zurückgebliebenen Bürgern den proteſtantiſchen Gottesdienſt, er ließ katholiſche Fremdlinge zum Wiederaufbau der Stadt aus den ſpaniſchen Niederlanden kommen, denen er zahlreiche Privilegien gab; ja ſogar der Name Magdeburg ſollte ausgetilgt werden, indem die neu zu gründende Stadt„Marienburg von der hochgelobten Jungfrau und Mutter Gottes“ genannt werden ſollte. Wo bleibt da die Toleranz? Es iſt geradezu eine kühne Herausforderung, wenn ultramontane Lobredner es unternehmen, uns Tilly gegenüber dem Schwedenkönig als ein wahres Muſter religiöſer Toleranz vorzuführen und zwar deshalb, weil er in ſeinen Quartierbefehlen und Ordnungen an ſeine Soldatesca wie gegen andere Menſchen ſo auch gegen proteſtantiſche Geiſtliche und Schullehrer Rückſicht walten ließ*⁵). Es iſt einleuchtend, ſo großes
Vergl.: 5⁵6) Ranke, Fürſten und Völker III. S. 543. 5⁵⁷) Wirth, Geſchichte der Deutſchen S. 359. Speculum Theopoliticum Cap. IX. ³³) Strack, Bilder aus der Reformation a. a. Q. ³⁸) Ranke, Fürſten und Völker S. 543. 6⁰0) O. Klopp, II. 391. 6¹) Villermont, Tilly, Briefſammlung, Nr. 174. 6²) Wittich, Magdeburg, Guſtav Adolf und Tilly S. 208. 63) O. Klopp, I. 467; II. S. 74. 64) O. v. Guericke, Geſchichte der Belagerung, Eroberung und Zerſtörung Magdeburgs S. 74. 65) O. Klopp, I. 541 u. II. 77.


