Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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die einjährige Einlagerung dieſe Gegend völlig ausgegeſſen hätten; im günſtigſten Falle werde ihnen für die tägliche ſchwere Arbeit trockenes Commisbrod und Waſſer zu theil. Außerdem wehe vom nahen Meere der Wind ſchnöde, hart und grauſam über die ebenen Flächen und trage ſür die Hungrigen und Entblößten allerlei Schwächen und Peſtilenz mit ſich. Auch bleibe der Sold aus.Was hilft es uns, riefen die Soldaten aus, daß man uns lobt im heiligen Reiche, wenn man uns wie arme Schlucker hier verderben und ſterben läßt? Das Herz des Feldherrn iſt gerührt von der unglücklichen Lage der Soldaten. Der ſtrenge General, der, um Disciplin aufrecht zu erhalten, das grauſame Mittel der Hinrichtung in Anwendung bringt, fühlt hier ein menſchliches Rühren. Er bittet wiederholt um Beſeitigung der Uebelſtände. Das Wohl ſeiner Truppen liegt ihm, wie einem Vater dasjenige ſeiner Kinder, am Herzen. Verräth dieſe väterliche Fürſorge für ſein Heer nicht eine Gemüthsſtimmung, die uns Tilly in einem milderen Lichte erſcheinen läßt, als er bis jetzt noch vielfach von ſeinen Gegnern beurtheilt worden iſt?

Nach der Einnahme von Stade, der einzigen, ſüdlich der Elbemündung noch von Dänen beſetzten Stadt, beunruhigen den Feldherrn neue Sorgen. Seine Regimenter werden durch Krank⸗ heiten gelichtet, während der Feind Verſtärkung heranzieht. Ja es iſt ſomit die Gefahr nahe, viele ſchöne, theuer erkaufte Provinzen zu verlieren. Er ſelbſt iſt der Verdrießlichkeiten müde und bekennt in einem Schreiben an Max, daß er, wenn ihm nicht das Recht eingeräumt werde, ſein Heer in die Länder der Liga zu legen,‚das begonnene Werk Gott empfehle und ſich zurückziehe. Doch der Baiernherzog bittet ihn zu bleiben,da niemand ſowol die Experienz und Glück im Kriegeals den Reſpect und die Liebe der Soldatesca beſäße, und der General, gehorſam ſeinem oberſten Kriegsherrn, bleibt in ſeiner Stellung. Wol hätte mancher andere Feldherr im Hinblick auf die vielen Beſchwerden, mit Rückſicht auf ſein hohes Alter, das Schwert niedergelegt und ausgeruht, Tilly bleibt und harrt aus. Seines Herrn Wille iſt ihm Befehl; getreu ſeinem Fürſtenhauſe, als eine Stütze des kaiſerlichen Hauſes und ein Hort der Reichsgewalt ſetzt er aufs neue Leib und Ehre, Gut und Blut für die Wahrung des Reiches und der katholiſchen Religion ein. Tilly iſt und bleibt ein Mann des Gehorſams, ein Verfechter der kaiſerlichen Oberherrlichkeit. Aber es hieße im Lobe zu weit gehen, wenn man ihn, wie es von einigen neueren Vertheidigern geſchieht, alseine der edelſten Zierden der deutſchen Nation und als die letzte Säule des deutſchen Reiches voll Kraft und Herrlichkeit feiern wollte. Möchte man doch bedenken, daß der Belgier Tilly, ſoviel er auch das Wort Deutſch und Kaiſer und Reich in ſeinen amtlichen Schreiben gebraucht, für die politiſchen Bedürfniſſe des deutſchen Volkes kein Verſtändnis gehabt hat. Auch ſollte man nicht außer acht laſſen, wie verſchieden Kaiſer und Reich waren, wie Ferdinand II. von Spanien und Jeſuiten abhängig,Deutſchlands Exiſtenz und Deltsfim ſlung dieſen vollſtändig preisgab und in Wahrheit des Reichestödlicher

eind war.

Wie ganz anders hätte ſich die Lage Deutſchlands geſtaltet, wenn Tilly jetzt, da Wallenſtein mit der Belagerung von Stralſund beſchäftigt war, die Liga verlaſſen hätte! Das Jahr 1629 war herangekommen. Faſt elf Jahre lang hatte die Fackel des Krieges und der Zerſtörung gewüthet. Vier Jahre lang war mit den Dänen gekämpft worden. Bauern, Bürger und Adelige ſehnten ſich nach Frieden. Weltliche wie geiſtliche Machthaber Deutſchlands verlangten die Niederlegung der Waffen ³s). Auch unter den Kaiſerlichen und Ligiſten bildete ſich die Meinung aus, daß man den Krieg nicht länger fortſetzen könne 5⁴). An eine Offenſive, ſagt man, gegen Dänemark könne man nicht denken, und die dritthalbhundert Meilen lange Ausdehnung der Oſtſeeküſte biete den feindlichen Schiffen genügende Plätze zur Landung; man werde der däniſchen Seemacht, was man auch verſuche, nicht gewachſen ſein. Man war ſogar der Anſicht, der König von Schweden, der durch Uebereinkunft mit Dänemark die Behauptung von Stralſund übernommen, das Wallenſtein lange vergeblich belagert hatte, werde ſich zum Protector der Seeſtädte aufwerfen und die Führung der geſammten Macht übernehmen. Dieſe

efürchtungen wirkten mit, um Verhandlungen zwiſchen den Dänen einerſeits und den kaiſerlich⸗ligiſtiſchen Truppen anderſeits anzubahnen, welche in dem Frieden von Lübeck(12. Mai 1629) ihren Abſchluß fanden. Der König Chriſtian erhielt vom Kaiſer ſeine verlorenen Provinzen zurück, mußte verſprechen, ſich nur inſoweit in deutſche Angelegenheiten zu miſchen, als es ihm als Fürſt von Holſtein zukam, und verzichten auf die niederſächſiſchen Stifter für ſich und ſeine Söhne. Die Herzöge von Mecklenburg wurden unmittelbar nach dem Lübecker Frieden, weil ſie ſich mit Dänemark wider den Römiſchen Kaiſer in Kriegsverfaſſung ſetzten und darin bis zur Entſcheidung der Waffen verharrten, ihrer Länder beraubt, welche der Kaiſer dem Herzog von Friedland wegen der Dienſte, die er mit heroiſchem Valor geleiſtet habe und noch zu leiſten vermöge, mit allen ihren Hoheiten, Ehren, Rechten und Gerechtigkeiten übertrug 5). Der Publication des Lübecker Friedens ging jene des Reſtitutionsedicts am 6. März 1629 voraus.

Vergl.: 53) Gfrörer, Guſtav Adolf S. 566. ⁵¹4) Ranke, Geſchichte Wallenſteins S. 136. 86) Ebenda S. 141.