Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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die Muthloſigkeit der Generale ſehen mußte, zog ſich mehr und mehr urück, um ſein altes Lager zu Wolfenbüttel zu gewinnen.*) In einer ungünſtigen Stellung in dem Thale bei Lutter am Barenberg (17. Auguſt 1626) wird Chriſtian von Wallenſteiniſchen Reitern feſtgehalten und zu einer Schlacht genöthigt. Nur mit ſchwerem Verluſte unter perſönlichen Gefahren konnte ſich der König zurückziehen. Tilly rechnete dieſen Sieg für den wichtigſten, den er erfochten hatte. Rühmend ſpricht er ſich über die Tapferkeit und militäriſche Fähigkeit ſeines Gegners aus. Er ſchreibt an den Kurfürſten von Baiern ³):Ich habe nie einen Feldherrn geſehen, der ſein Heer beſſer zu ordnen gewußt, der es mit größerem Muthe ins Gefecht geführt und der mehr Gegen⸗ wart des Geiſtes beſeſſen, Verwirrungen abzuhelfen und die Weichenden aufs neue zu beleben, als dieſer König Chriſtian von Dänemark. Lobend erwähnt er in den Briefen an den Kaiſer und Max diejenigen Oſſiciere, die ſich in dieſem Kampfe ausgezeichnet hatten; von ſich ſelber ſpricht er kein Wort. In offener, aufrichtiger Weiſe erkennt er die Verdienſte ſeines Gegners an, und obgleich er doch ſelbſt den größten Antheil an dieſer ruhmreichen That hatte, verbietet ihm die Beſcheidenheit ſeine Perſönlichkeit in den Vordergrund zu ſtellen. Und als ihm die Infantin der Niederlande zu dem glorreichen Siege gratulirt und ihn mit Lob überſchüttet, weiß er ihr mit jenen beſcheidenen Worten zu antworten:Das Wenige, was ich habe thun können für den glücklichen Erfolg dieſes Tages, war nur ein Abtrag meiner Pflicht.³) Kommt in dieſer Beſcheidenheit nicht ein Zug ſeines Charakters zum Ausdrucke, der unter den militäriſchen Führern der damaligen Zeit ſelten war, und von welchem in ſeinem großen Waffengefährten Wallenſtein nicht eine Spur vorhanden geweſen iſt?

Der niederſächſiſche Kreis wurde in Folge des Sieges vollſtändig unterworfen. Der mächtigſte Verbündete Chriſtians, Herzog Friedrich Wilhelm von Braunſchweig⸗Wolfenbüttel, unterhandelte mit Tilly wegen Unterwerfung; er verbot ſeinen Soldaten unter däniſchen Fahnen zu folgen; ihm folgten darin die übrigen Stände?) Nur die beiden Herzöge von Mecklenburg widerſetzten ſich Tilly's Befehlen Nachdem der Feldherr ſein Heer, das durch Deſertion und ſchlechte Quartiere ſehr Noth gelitten hatte, in welchem auch durch Ausbleiben des Soldes die Disciplin gelockert war, durch zahlreiche Transporte von Truppen und Artillerie wieder ſchlagfertig gemacht hatte, zog er nach Norden, um die Dänen gänzlich zu vertreiben. Havelberg, Lauenburg und noch andere Städte fielen in ſeine Hände, Hamburg verpflichtete ſich vertragsmäßig Lebensmittel und Munition zu liefern. Da erſchien auch Wallenſtein auf dem Kriegsſchauplatz wieder, nachdem er die däniſch⸗deutſchen Truppen aus Schleſien und Mähren vertrieben, die Hauptplätze Brandenburgs beſetzt und die Herzöge von Mecklenburg zur Unterwerfung genöthigt hatte. Beide Generale haben Ende Auguſt 1627 in Lauenburg eine Zuſammenkunft, um über die weiteren militäriſchen Operationen zu planen. Beide begrüßen ſich. Auf der einen Seite ſehen wir den einfachen ſchlichten, Tilly, der bisher im Dienſte des Kaiſers und der Kirche gegen jegliche Feinde nach innen und nach außen gekämpft hat, auf der anderen Seite den mit der Pracht eines gekroͤnten Hauptes ausgerüſteten, ehrgeizigen Wallenſtein, umgeben von einem zahlreichen, prunkhaft ausgeſtatteten Stabe! Der ſtrenge, in devoteſter Unterthänigkeit gegen ſeinen fürſtlichen Kriegsherrn verharrende General und daneben der heftigſte unumſchränkte Oberſeldherr des Kaiſers und Gebieters, der nach hohem ſtrebende, in allem ſelbſtſtändig handelnde Geiſt! Der gläubige, engherzige Sohn der katholiſchen Kirche, und neben ihm der gegen jedes religiöſe Bekenntnis gleichgültige und doch zeitweiſe von einer abergläubiſchen Furcht heimgehucht! Convertit, voll großartiger, weltbewegender Entwuͤrfe!

Nachdem die Friedensunterhandlungen mit dem Könige von Dänemark wegen der Unannehm⸗ barkeit der Bedingungen geſcheitert waren, ertönte das Signal zur Fortſetzung des Krieges. Tilly und Wallenſtein vereinigen ſich, um gemeinſchaftlich die Dänen zu vertreiben. Wallenſtein nimmt hier als Repräſentant der höoͤchſten Autorität die erſte Stelle ein, während ſich Tilly mit unerſchütterlicher Ruhe ſeinen Anordnungen fügt, wol wiſſend, daß ein Streit zwiſchen ihnen der gemeinſamen Sache des Reiches nur ſchaden könne. Jei Pinneberg wird Tilly auf einer Recognoscirung verwundet, was ihn bewegt, einige Regimenter und einen großen Theil ſeiner Artillerie an Wallenſtein abzutreten. Während ſich der ligiſtäſche Feldherr nach ſeiner Geneſung anſchickt, die noch von den Dänen beſetzten Städte zu erobern, zieht Wallenſtein in Gemeinſchaft mit ſeinem General Schlick nordwärts nach Holſtein und Jütland und zwingt den König Chriſtian, auf der Inſel Fünen ſeine Rettung zu ſuchen. Tilly iſt nun genöthigt, ſeine Truppen in den ausgeſogenen Ländern an der Weſer und in Oſtfriesland über⸗ wintern zu laſſen(1628). Sein Heer hat mit Nöthen aller Art zu kämpfen, zu deren Beſeitigung er brieflich Max von Baiern um Hilfe bittet. Er erwähnt*), wie die unglücklichen Soldaten bei Regen und Sturm unter freiem Himmel lagern müſſen, in Näſſe, Kälte und Schmutz erſtarren und verkommen, wie ihnen Kleidung, Hemden, Strümpfe und Mäntel fehlen. Dazu komme noch, daß die Dänen durch

Vergl.: 4) Ranke, Geſchichte Wallenſtein's S. 50. ¹⁸) Villermont, Tilly a. a. Q. S. 232. ⁴⁰⁹) Ebenda. ¹⁰) Ranke, Geſchichte Wallenſtein's. 51) Villermont, Tilly, Brief an Max. ⁵²) O. Klopp, Tilly, I. S. 387.