Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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wurde. Wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten damals ein Belagerungscorps zu kämpfen hatte, erwägt, wie die einzelnen Erfolge der Belagerer oft durch die heftigen Ausfälle der Belagerten geſtört wurden, wenn man ferner in Betracht zieht, wie mangelhaft noch im Vergleich zu den jetzigen Belagerungsgeſchützen die Artillerie war, ſo müſſen wir geſtehen, Tilly hat ſich auch hier durch ſeine umfaſſenden, umſichtigen Anordnungen, durch ſeine Ausdauer als ein Meiſter des Krieges bewährt. Dazu kommt noch, daß der Feldherr für eine kurze Zeit die Belagerung nicht mit dem nöthigen Eifer betreiben konnte. Er wurde nämlich durch das Erſcheinen Chriſtian's von Braunſchweig in der Main⸗ egend daran gehindert; mithin konnte die Beſatzung von Heidelberg während ſeiner Abweſenheit die in den Befeſtigungen entſtandenen Schäden verbeſſern. Tilly zieht deshalb an den Main, ein ziemlich tollkühner Zug gegen eine bedeutend überlegene Truppenmacht und ſchlägt den Adminiſtrator Chriſtian bei Höchſt, in der Nähe von Frankfurt a. M. Hierauf wendet er ſich wieder gegen Heidelberg, belagert es aufs neue und ſtürmt die Stadt und Feſtung am 16. September 1622. Seine perſönliche Anweſenheit begeiſterte die ſtürmenden Truppen. Freilich ſoll auch hier die wüthende Soldatesca in 3 Tagen Greuelthaten genug verübt haben; Tilly ſetzte jedoch durch ſein mannhaftes Auftreten fernerem Blutvergießen ein Ziel. Nachdem Tilly die Stadt erobert hatte, übernahm der religiöſe Fanatismus das Werk des Siegers. Die größte Rückſichtsloſigkeit*) gegen die Proteſtanten wurde geübt. Die Jeſuitenväter Perſonus und Agricola nahmen unter dem perſönlichen Schutze Tilly's durchgreifende Reformen vor, um zur Ehre Gottes die katholiſche Kirche wieder herzuſtellen. Sämmtliche Kirchen der Stadt wurden den Franziscanern, Dominicanern und anderen Mönchen überlaſſen; und mit dem Anfange des Jahres 1623 wurden alle proteſtantiſchen Prediger aus der Stadt verwieſen. Die Univerſität, bisher eine Pflanzſtätte und ein Hort des Calvinismus und der Wiſſenſchaften, wurde trocken gelegt; 2 300 neue Studenten aus allen Theilen Europas waren jedes halbe Jahr aufgenommen worden, nach dieſem ſchweren Schlage kamen kaum 40 60 Jünglinge. Die herrliche, aus den koſtbarſten Handſchriften beſtehende Bibliothek,(bibliotheca Palatina) nach den Ausſagen Scaliger's reicher als die päpſtliche, welche die Kurfürſten von der Pfalz mit großen Koſten geſammelt hatten, wurde auf Befehl des Baiernherzogs weggeführt, als Erſatz für geleiſtete Hilfe dem Papſt Gregor XV. ³) überſchickt und in dem Vatican aufgeſtellt. Ein energiſcher Vertheidiger Tilly's ³⁶) findet dieſen Act beklagenswerth; aber wer anders konnte dieſe That verhüten, wenn nicht Tilly, der Herr der Stadt? Ihn trifft hier der Vorwurf der Rückſichtsloſigkeit und Unſelbſtſtändigkeit im Handeln, als devoter Diener fuͤgt er ſich dem Willen ſeines Herrn. Bald nachher fallen auch Mannheim und Frankenthal in ſeine Hände. Tilly wurde für dieſen Erfolg reichlich belohnt. Der Kaiſer Ferdinand erhob ihn zum Reichsgrafen und dehnte dieſe Gunſt auf ſeinen Bruder Jakob und deſſen Kinder aus; außerdem votirte ihm die Liga ein Geſchenk von 18000 Thalern. Von nun an unterſchreibt der Feldherr bis an ſein Ende alle von ihm verfaßten Schriftſtücke mit dem Namen:Johann graue(Graf) von Tilly.(1622.).

Im Winter und Frühjahre des Jahres 1623 bezieht der Führer der Liga Quartiere in der Wetterau, um von hier aus den Landgrafen Moritz von Heſſen⸗Caſſel, einen enſgchiegenen Feind des Hauſes Habsburg, zu beobachten. Aus dieſer Zeit wird uns eine Geſchichte überliefert, die zur Beurtheilung von Tilly's Charakter von Werth iſt ³7). Wir ſehen an ihm eine hervorragende, die damals ſelten geübte Tugend der Uneigennützigkeit und Unbeſtechlichkeit. Wie erhaben ſteht in dieſer Beziehung der Feldherr Tilly Wallenſtein gegenüber! Der Graf Johann Ludwig von Naſſau erſchien in Aſſenheim in der Wetterau, um von dem General Erleichterung der Einquartierung in der Stadt Diez zu erbitten. Er hatte eine goldene Kette im Werthe von 2400 Gulden bei ſich, womit er ſich bei Tilly Gehör verſchaffen wollte. Als er ſeinen Wunſch den Freunden und der nächſten Umgebung des Feldherrn mittheilte, erhielt er den wolmeinenden Rath, die Ueberreichung des Geſchenkes zu unterlaſſen, wenn er nicht ſeine Sache verderben wolle, da der General ſolchen Dingen unzugänglich ſei.

Im März des Jahres 1623 fand eine Verſammlung der Kurfürſten zu Regensburg ſtatt. Wol wäre es jetzt möglich geweſen den Frieden herbeizuführen, da ſich nirgends ein ernſtlicher Widerſtand der Proteſtanten zeigte, und der Sieg des Kaiſers und der Liga über alle Erwartung vollſtändig war ³). Allein der Kampf war einmal entbrannt und wurde auch fortgeſetzt, und der Kaſer gab hauptſächlich dazu Veranlaſſung. Der Pfalzgraf Friedrich war wegen Aufruhrs gegen die Reichsgewalt der Würde eines Wahlfürſten und eines Theiles ſeiner Länder für verluſtig erklärt worden. Der Kaiſer war anfänglich ſchwankend, ob er dem Herzog von Baiern dieſe Würde zuerkennen ſollte, da die Spanier, ohne deren Zuſtimmung er nichts that, aus Rückſicht gegen den König Jakob I. von England dagegen waren. Aber der Papſt Gregor XV. und der geſchickte Capuziner Hyacinth verwandten ſich am

Vergl.: ³⁴) Strack, Bilder aus der Reformationsgeſchichte. 33) O. Klopp, Tilly. I. 156. 36) Ranke, Geſchichte der Fürſten und Völker S. 463. ³ꝛ) Keller, Drangſale des naſſauiſchen Volkes S. 47. ³³) Wirth, Ge⸗ ſchichte der Deutſchen..