Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Es iſt nicht zu verkennen, die militäriſche Umſicht Tilly's, der die Dispoſitionen zum Angriff vorbereitete, die raſche Entſchloſſenheit, die im Gegenſatz zu der ſpäteren Cunctatorrolle ſteht, hatten mit zum Siege verholfen. Aber nicht minder mögen wol jene exaltirten fanatiſirenden Reden, die ja bei Tilly und vielen der Kämpfenden willige Ohren fanden, als ſtände das Seelenheil auf dem Spiel, u dem Erfolge beigetragen haben. Es war dieſer Tag(7. Nov. 1620) ein Unglückstag für Böhmen, ſär die Evangeliſchen überhaupt. Die Kaiſerlichen und ihre Verbündeten betraten damit den Siegespfad, auf welchem ſie einem großen Theile der deutſchen Bevölkerung Furcht und Schrecken einflößten. Der tolze, uirfüfliche König Friedrich mußte fliehen, verfolgt von der kaiſerlichen Achtserklärung, die ihn einer pfälziſchen Erbländer beraubte. Die Vernichtung des Majeſtätsbriefes, die Confiscation vieler Edelgüter, die Vertreibung der calviniſtiſchen und lutheriſchen Prediger, die Hinrichtung der vornehmſten proteſtantiſchen Edelleute waren die Acte, womit ſich Ferdinand II. als den ſtrengen Feind der neuen Lehre inſinuirte. Die Rekatholiſirung des ganzen Landes wurde auf den Rath des fanatiſchen Beicht⸗ vaters Lämmermann betrieben. Ein kanter Schrei der Entrüſtung über ſolche Gewaltthaten ging durch die deutſchen Lande.

Nach beinahe einjährigem Aufenthalte Tilly's in Böhmen, dem Schauplatze der erſten blutigen Waffenthaten, während welcher Zeit er mit ſeiner Truppenmacht der Einführung der neuen Reformen einigen Nachdruck verlieh, wandte er ſich nach Weſten, nach der Pfalz. Dort ſtand Ernſt von Mansfeld, welcher mit Hilfe engliſcher Subſidiengelder ein Heer geworben hatte. Dieſer leidenſchaftliche, tapfere Mann hatte ſich der Sache des geflohenen Kurfürſten Friedrich angenommen und wollte die unter Cordova eingedrungenen und plündernden Spanier vertreiben. Es kann nicht geleugnet werden, daß auch dieſem Feldherrn ein Theil des zweifelhaften Ruhmes gehört, an der Verwüſtung der Pfalz, einer Perle unter den deutſchen Ländern, ſowie der reichen damals zu Oeſtreich gehörigen Landſchaft Elſaß mitgewirkt zu haben. Er ging von dem Grundſatze aus, wie feim großer Gegner Wallenſtein, die in den beſetzten Ländern vorgenommenen Plünderungen und Brandſchatzungen müßten die Mittel zum Unterhalte des Heeres geben. Sprichwörtlich pflegte man damals zu ſagen,wo Mansfeld hinfalle, bleibe nichts als Mühlſteine und glühendes Eiſen zurück r

Ihm ſchloß ſich wuͤrdig der rauhe Kriegsmann Chriſtian von Braunſchweig an, der, ſich Gottes Freund und der Pfaffen Feind nennend, theils aus angeborner Waffenluſt, theils aus Beſorgnis, der

aiſer möchte ihm das Bistum Halberſtadt entreißen, als Kämpfer für die ihm nahe verwandte unglückliche Böhmenkönigin Eliſabeth auftrat, deren Handſchuh er mit ritterlicher Galanterie an ſeinem Helme trug. Gegen beide Feldherrn, denen ſich noch der Markgraf Georg Friedrich von Baden⸗ Durlach anſchloß, mußte Tilly ziehen. Seine Scharen wäͤlzten ſich plündernd durch die geſegneten Fluren der Pfalz. Und ſo ſehr er es ſich auch angelegen ſein ließ, mit Schonung zu verfahren und dem plündernden und raubenden Treiben Einhalt zu gebieten, ſo konnte er doch grobe Exeeſſe nicht verhüten, namentlich nachdem ſich die ſpaniſchen Truppen, die ja ſchon unter Alba in Deutſchland den Ruf undisciplinirter und zuchtloſer Scharen erworben hatten, mit den ſeinigen vereinigt hatten. Das tadelnswerthe Verhalten dieſer Armee in der Pfalz kann uns ja nicht beßremden, wenn wir bedenken, daß das Land dem am meiſten gehaßten Fürſten, dem eigentlichen Hauptfeinde des Kaiſers und der Liga, dem in jenen Tagen geiſtig bedeutendſten ſuͤhrer des Proteſtantismus gehörte. Nach dem Treffen bei Wiesloch(Mingolsheim 29. April 4620) n welchem die vereinigten Heere Mansfelds und des Markgrafen von Baden über Tilly ſiegten, zog ſich dieſer nach Wimpfen zurück. Kühn gemacht durch den Erfolg, wollte Friedrich von Baden, jetzt getrennt von Mansfeld, den früher errungenen Vortheil durch einen neuen Sieg vermehren und griff ungeſtüm Tilly an. Aber dieſer hatte ſich mittlerweile durch ſpaniſchen Zuzug verſtärkt und brach nun plbötzlich, vorher einen Rückzug ſimulirend, aus einem Hinterhalt hervor, brachte die feindliche Schlachtordnung zum Wanken und ſchlug ſie in die Flucht. Damit hatte Tilly ſeinen militäriſchen Ruhm begründet; dieſe bedeutende Waffenthat war ein Erfolg der genauen Kenntnis und Schätzung des Feindes, Eigenſchaften, die einem tüchtigen Feldherrn nicht ſehlen dürfen. Tilly's Sieg hatte eine große Bedeutung. Er hatte das Anſehen der kaiſerlichen Macht vermehrt, der ganzen katholiſchen Kirche Muth und Hoffnung eingeflößt. Dem Proteſtantismus hattt er einen empfindlichen Schlag verſetzt, indem er ihm die Pfalz, eine reichliche Quelle der Unterſtützung ür das proteſtantiſche Heer, verſchloß und einem eifrigen Fürſten ſein Land, ſomit ſeinen Halt und ſein Anſehen raubte.

Aber noch waren die Hauptbollwerke, die Städte Heidelberg, Mannheim und Frankenthal, in der Macht der Proteſtanten. Hier ſehen wir Tilly eine andere Seite ſeiner militäriſche Kenntniſſe entfalten. Es handelt ſich um eine Belagerung Heidelbergs, welches auf der einen Seite eine natürliche Vertheidigung in dem Neckar hatte, auf der anderen Seite von bedeutenden Befeſtigungen umgeben war und von einer zahlreichen Beſatzung unter dem tapferen Heinrich van der Merven vertheidigt

Vergl.: ³²) Gfrörer, Guſtav Adolf. ³³) Weber, Weltgeſchichte.