Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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in eine Feldſchlacht oder Stürme bringt, wo etliche Tauſende auf der Wahlſtatt erſchoſſen und erſtochen; denn eines Kriegsknechts Leben hängt an einem Haare und ſeine Seele ſitzet auf dem Hut oder Aermel.(Am Hut oder Aermel wurde vor der Schlacht das Feldzeichen der Soldaten befeſtigt, grüne Zweige, Bänder u. a.) Es war demnach für einen Feldherrn keine leichte Arbeit, Ordnung und Zucht unter ſolchen wilden Horden aufrecht zu erbalten. Milde und Gelindigkeit, gute Worte, Mahnungen und Warnungen fruchteten nichts, und das Schwert mußte oft ſeine blutige Sprache reden. Tilly iſt es hier wieder, der im Gegenſatz zu manchen Anführern, die ihre Soldaten rauben und plündern ließen, in ſeinem Heere, ſoweit es in ſeiner Kraft lag, Zucht und Ordnung hielt und ſomit Anerkennung verdient. Freilich ſchreckte er vor Gewaltmitteln nicht zurück, ließ er doch eines Tages plündernde Kroaten ergreifen und ſofort erſchießen, aber welcher Feldherr hätte nicht, um Gehorſam und Kriegszucht aufrecht zu erhalten, ein ähnliches Verfahren eingeſchlagen? Ein ſchwediſcher Hiſtoriker ²*) erkennt es an, wenn er ſagt,daß die ſtrenge Kriegszucht, die Tilly lange aufrecht erhielt, wenigſtens unter den ligiſtiſchen Truppen, ſeine Feldzüge weniger länderzerſtörend machte, als die Heere Wallenſtein's, Mans⸗ feld's und Chriſtian's von Halberſtadt. Betrachten wir uns einmal ein Heer auf dem Marſch ²³). Eine unabſehbare Menge von Weibern, Buben, Troßknechten, Marketendern zog der Armee nach; eine lange Reihe von Karren folgte, die manchmal an einander vorbeijagen wollten, in einanderfuhren und einen wirren Knäuel verurſachten; dazu erſcholl lautes Fluchen, Gelächter und die Fäuſte und Prügel entſchieden, wer recht hatte. Es wird erzählt, am Ende des großen Krieges ſei der Troß des Heeres drei und ein balbmal ſo ſtark geweſen als die Zahl der Kämpfenden. Wehe der Stadt, wehe den Fluren, wo ſolche Scharen ihre Lager aufſchlugen! Selbſt in Freundeslande waren ſie eine unerträg⸗ liche Plage, und wie viel gab man nicht, um ein ſolches Volk los zu werden! Daß unter ſolchen Umſtänden Rauben und Plündern, ſelbſt wenn der Sold, wie im Heere Tilly's anfangs regelmäßig ausgezahlt wurde, öfter vorkam, iſt erſichtlic Daß Würfelſpiel ²⁹), Völlerei und ſonſtige ſoldatiſche Unſitten im Lagerleben, in welchen der Gemeine mit dem Officier wetteiferte, ſich breit machten und der Fortbewegung des Heeres hinderlich waren, wer wird dies bezweifeln wollen? Mehr als einmal urde der Erfolg einer Schlacht dadurch vernichtet, daß die Soldaten ſich zu früh der Plünderung überließen.

Außerdem iſt noch eine andere charakteriſtiſche Erſcheinung des damaligen Kriegslebens zu verzeichnen, welche beſonders in den Soldatenſeelen Eingang fand. Es iſt der Aberglaube, daß man den Leib gegen das Geſchoß des Feindesfeſt machen, ja durch einen gewiſſen Zauber die eigenen Waffen dem Fedde verderblich machen könne. In dieſem Rufefeſt zu ſein ſtanden nicht nur gemeine Soldaten, ondern auch viele hohe Befehlshaber, wie z. B. Holk und Tilly. Die Beſitzer ſolcher Geheimniſſe fürchtete manals mit dem Teufel im Bunde ſtehend, als Sclaven des Satans ²⁰). Erzeugte dieſer Glaube einerſeits bei dengefeiten Soldaten eine gewiſſe Vermeſſenheit und Kühnheit, daß ſie ſich ins Getümmel der Schlacht ſtürzten, ſo erregte er anderſeits in den Herzender nicht gefeiten Schrecken, ja eine gewiſſe Feigheit, ſo daß ſie ſich vor den feindlichen Geſchoſſen fürchteten; immerhin war ein ſolcher Glaube von verderblichem Einfluß für den moraliſchen Halt des Heeres. Erwägt man alle dieſe Umſtände, ſo muß man eingeſtehen, daß die Lage eines Feldherrn in damaliger Zeit als keine beneidenswerthe erſchien, und daß es mit zu den ſchwierigen Aufgaben eines Anführers

ehörte, unter ſolchen abergläubiſchen und wilden Elementen der Soldatesca Zucht und Ordnung zu chaffen. In dieſer Beziehung hat Tilly das unter ſolchen Verhältniſſen Mögliche geleiſtet, und verdient er Anerkennung und nicht Verunglimpfung.

Doch dpen wir jetzt dem weiteren Verlaufe des Krieges zu. Tilly war, nach Vereinigung ſeiner Truppen mit den kaiſerlichen unter Boucquoi, dem böhmiſchen Hauptheer gefolgt. Dieſes hatte ſich unter dem Befehl des Fürſten von Anhalt, in Anbetracht der feindlichen Uebermacht, nach einigen Scharmützeln nach Prag zurückgezogen. Ein Kriegsrath der Liga wird zuſammenberufen, um über die Zweckmäßigkeit des An Kißs zu berathen. Die Meinungen ſind getheilt. Obgleich die Truppen von langem Marſche, von Krankheiten und Entbehrungen geſchwächt ſind, verlangen ſie zu kämpſen. Tilly iſt für den ſofortigen Angriff, und ſein Wort dringt durch. Und als endlich noch ein Jeſuit, Pater Dominicus, auftritt und in begeiſterter Sprache, indem er auf das verſtümmelte Bildnis Mariens zeigt, ausruft ³¹): Theure Söhne der Kirche! Sehet, wie ſie die heilige Mutter Gottes behandeln! Vorwärts! Vertheidigt die Sache Gottes und ſeid ſicher, er wird euch den Sieg verleihen, da erheben ſich die Generale und mit der Loſung:Heilige Marie! ſtellen ſie ſich an die Spitze ihrer Truppen. Die Verſchanzungen der Böhmen,an den weißen Berg angelehnt, werden genommen; die Flucht, welche die Ungarn veranlaſſen, nach den Thoren der Stadt iſt allgemein.

Vergl.: ²) Abraham Cronholm, Guſtav II. Adolf, überſ. von Helms S. 371. 2) Guſtav Freytag. 29) Simpliciſſimus I. ³⁰) Arnold, Kirchen⸗ und Ketzerhiſtorien. 31) Villermont,. Tilly.