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kritiſchen Lage befreit. So war er eines Tags mit 300 Küraſſieren von einer überlegenen Schar Feinde umringt, die unter furchtbarem Geheul von allen Seiten auf ihn eindrangen und ihn mit einem Regen von Pfeilen überſchütteten. Er ließ ſeine Soldaten abſitzen, ein Carré bilden und ein wohl⸗ genährtes Musketenfeuer auf die Feinde ſenden. Dies wirkte unter den wilden Söhnen der armeniſchen Hochebene. Nach wenigen Stunden erbitterten Kampfes bekam er Verſtärkung, und nun mußten ſich die Feinde mit Zurücklaſſung von 300 Todten und Verwundeten zurückziehen. Nach wechſelndem Kriegsglück wurde endlich 1606, da die beiderſeitige Erſchöpfung eine Fortſetzung des Krieges nicht zuließ, Friede gemacht. Tilly hatte in dieſem Feldzug viel gelernt, was ihm ſpäter ſehr zu gute kam, und den ihm vom Kaiſer verliehenen Ehrentitel eines Feldmarſchalls davongetragen.
Seit dieſer Zeit hielt ſich Tilly meiſtens in Preßburg auf, und nachdem Rudolf ſein Heer verabſchiedet hatte, tritt er ins Privatleben zurück, deſſen Ruhe ihm jetzt nach ſo vielen Strapazen des Krieges zu Theil wurde. Noch gilt es hier einer Sache ⁹) zu erwähnen, die auch für die ſpätere Lebensgeſchichte Tilly's von Bedeutung iſt. Schon taucht der Vorwurf der Grauſamkeit, des Raubens und Plünderns ſeiner Soldaten auf, welchen Matthias, der Bruder des Kaiſers, in einer Schrift an den Feldherrn erhebt. In wie weit dieſe Anklage begründet war, laſſen wir dahingeſtellt ſein; zu bemerken iſt, daß Tilly damals ¹⁰) 5000 Wallonen angeworben hatte, denen man wohl ſchon ſolche Unthaten zutrauen konnte. Der General vertheidigt ſich gegen ſolche Angriffe in einem Schreiben an den Erzherzog Albrecht, Statthalter der Niederlande, ſehr, indem er ſagt“):——„Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß Jemanden durch Rauben der geringſte Schaden geſchehen, noch iſt darüber von Groß und Klein die geringſte Klage an mich gebracht.— Was aber das Brennen betrifft, ſo erkläre ich öffentlich, erbiete und verpflichte mich Jedermann, wenn im Grunde der Wahrheit durch unverdächtigen genügenden Beweis dargethan wird, daß von meinem Kriegsvolk zur ſelbigen Zeit das geringſte Gebäude mit meinem Wiſſen verbrannt oder angezündet ſei, ſo will ich dasſelbe mit meinem Kopfe, mit Leib und Leben bezahlen, und bin erbötig mit Bewilligung des Kaiſers mich zu ſtellen, wohin ich deshalb gefordert werde.“ Mit dem Jahre 1640 ſchied Tilly aus kaiſerlichem Dienſte und folgte dem Rufe des Herzogs Maximilian von Baiern. In einem Abſchiedsbriefe*²) an den genannten Erzherzog gedenkt er der ihm bewieſenen kaiſerlichen Gnade und meint, daß er hoffentlich dem hochlöblichen Hauſe zu Oeſtreich und dem gemeinen chriſtlichen Weſen hier ebenſo gut dienen könne, als wenn er bei dem Kaiſer geblieben wäre.
Maximilian war einer der fähigſten und klugſten Fürſten der damaligen Zeit, ein Mann, der außer der deutſchen Sprache italieniſch und franzöſifch ſprach und ſpaniſch verſtand. Im Gegenſatz zu dem üppigen und ſchwelgeriſchen Leben, wie es damals an manchen deutſchen Höfen blüte, pflegte er Mäßigkeit und Nüchternheit. Es iſt bezeichnend für jene Zeit, wenn ein eigener Reichstagsbeſchluß gefaßt wurde, des Inhalts:„Alle Kurfürſten, Fürſten und Stände möchten ihren Unter⸗ tyanen zum Exempel das übermäßige Trinken und Zutrinkenbei ſich ſelbſt meiden.“ Aber ſo ehrgeizig und ſchlau er in ſeinen politiſchen Unternehmungen war, ſo intolerant, ja excluſiv war er in ſeinen religiöſen Anſchauungen¹⁴). Er zeigte einen unermüdlichen Cifer;„er übertraf darin die Spanier, die doch auch gut katholiſch waren⁰).“ Es erſcheint uns dies begreiflich, wenn man bedenkt, daß er mit ſeinem Freunde, dem ſpäteren Kaiſer Ferdinand II., in dem Jeſuitencollegium zu Ingolſtadt erzogen worden iſt. Jeſuiten waren ſeine Lehrer, Beichtväter und Rathgeber. Dürfen wir noch das Urtheil eines neueren Geſchichtsſchreibers hinzufügen, ſo heißt es: „Er hat die Sache des Katholicismus klug mit ſeinem Vortheil zu verbinden gewußt.“¹⁰) Max ſtand damals, als er Tilly zu ſeinem Feldherrn auserkor, an der Spitze der Liga. Es war dies jener im Jahre 1609 zu München unterzeichnete Bund katholiſcher Fürſten und Biſchöfe, welchem ſich noch etwas ſpäter die drei geiſtlichen Kurfürſten Köln, Mainz und Trier anſchloſſen,„ein katholiſches Kleindeutſchland unter baiteriſcher Hegemonie, jedoch im weiteren Bund mit Oeſtreich.“¹¹) Dieſer Bund hatte den Zweck, der proteſtantiſchen Union(1608), welche die Intereſſen des evangeliſchen Glaubens unter dem ſchwachen Kaiſer Rudolf II. wabren und etwaige Angriffe zurückweiſen wollte, ein Gegengewicht zu ſchaffen. Max that nun alles, um der Liga ein gerüſtetes Herr aufzuſtellen. In dieſem Eifer unterſtützte ihn Tilly mit dem reichen Vorrathe ſeiner erworbenen militäriſchen Kenntniſſe. Der Ruhm eines guten Truppenführers war ihm ſchon voraus⸗ gegangen. Sehen wir uns dieſen Mann jetzt etwas näher an. Er ſteht im vollſten Mannesalter. Sein
Vergl.: ⁹) O. Klopp, Tilly, S. 65. ¹⁰) Villermont, Tilly. ¹¹) Ebenda, S. 630, Rechtfertigungsſchrift vom
10. Mai 1608(Archiv des Königsreichs) und Klopp. ¹²) Ebenda, S. 637. ¹³) Gfröter, Guſtav Adolf, S. 348. ¹4) Wolf, Maximilian, II. 274. ¹5) Ranke, Fürſten und Völker von Süd⸗Europa, III. S. 463. ¹6) Weber, Weltgeſchichte.) Ebenda, a. a. Quellen.


