Aufsatz 
Die Einführung in die französische Aussprache : lautliche Schulung, Lautschrift und Sprechübungen im Klassenunterricht / von Karl Quiehl
Entstehung
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unbedingt notwendig und meine, man solle dies getrost der Einsicht des betreffenden Lehrers überlassen. Das setzt voraus, dass der Lehrer sich mit den Ergebnissen der jungen Wissenschaft bekannt macht, damit er sich in den Stand setze, die zur Erreichung einer guten Aussprache zweckmässigen Hülfen dem Schüler zu geben*).

Die meisten Fachgenossen werden ihre Zustimmung zu dem Satze erteilen, dass die Phonetik nicht um ihrer selbst willen in den Schulunterricht gehört, dass sie nicht als Wissenschaft den Schülern gelehrt werden, sondern nur dem Lehrer die Waffen schärfen soll im Kampfe gegen die schlechte(d. h. deutschmundartliche) Aussprache der fremden Sprachen. Der Lehrer wird bei jungen Schülern noch viel von der Nachahmung erwarten dürfen. Bei 911 jährigen Schülern, wie wir sie im französischen Anfangsunterricht haben, ist ja die Nachahmung noch recht wirksam. Nun ist aber die Stundenzahl, in denen der Schüler Gelegenheit hat, französische Laute nachzuahmen, sehr gering gegenüber der grossen Anzahl von Stunden, in denen er deutsche Laute nachahmt. Schon diese Thatsache macht es wünschenswert, ihm ein sichereres Hülfsmittel für die Erlernung der fremden Laute zu liefern, als es die Nachahmung allein bietet. Dazu kommt noch, dass diese doch bei weitem nicht in allen Fällen ausreicht. Ich führe hierfür nur ein Beispiel an. In Gegenden, wo der dem deutschen Buchstabenwr entsprechende Laut mit beiden Lippen gesprochen wird, wird durch blosses Vor- und Nach- sprechen der Schüler schwerlich dahin kommen, das richtige französiche(englische-, nord- und ost- deutsche) Lippenzahn- hervorzubringen, das trotzdem von jenem verschieden genug klingt. Giebt man aber dem Schüler den phonetischen Wink, die Oberlippe ausser Thätigkeit zu setzen, so ist damit der Weg angegeben, auf welchem der Schüler mit einiger UÜbung sicher zum richtigen Laute geführt wird. Dergleichen Beispiele könnten noch recht viele angeführt werden. Deshalb trete also da, wo die Nachahmung allein nicht sicher und schnel] genug zum Ziele führt, die Phonetik im Unterricht ein*).

Ich halte es für unnötig, dem Schüler einen genaueren Einblick in den Bau der Sprach- werkzeuge zu verschaffen. Wenn man so nebenher im Unterrichte die Hauptsachen aus ihnen heraus fragt, über den Weg, den der Luftstrom nimmt, über den Ort und die Art der Bildung des Stimmtones, über die Teile des Mundes, so scheint mir dies genügend. Ich gehe noch weiter. Dass der Schüler den Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten kennen muss, ist selbst- verständlich. Dass er auch mit der Zeit sämtliche Reibelaute und sämtliche Verschlusslaute wissen wird, wenn die Laute mit Hilfe der im Zimmer hängenden Lauttafeln fortgesetzt geübt werden, erscheint nicht zweifelhaft. Ich halte es aber für unnötig, die Laute zu dem Zwecke und mit der Absicht zu üben, dass der Schüler die Laute nach ihrer Art, dem Orte ihrer Hervorbringung u. dergl. von Anfang an erklären(2. B.! als stimmlosen Zahnzungen-Ver- schlusslaut) oder der Reihe nach aufzählen lerne. Verlieren wir die Hauptsache nicht aus den

*) Vergl. den Aufsatz Dörrs:Die Aufgaben der modernen Philologie in der Gegenwart. Beiträge. Hannover 1886. S. 38 ff.

**) Dass die Nachahmung allein nicht zum Ziele führt, sieht man aus der grossen Zahl derer, die im Auslande läüngere Zeit verweilt und doch mit sehr ungenügender Aussprache wieder kommen. Ich kenne einen Herrn der als Dreissiger nach England ging und dort ungefähr 20 Jahre zugebracht hat; derselbe spricht nicht nur den tp.Laut wie mitteldeutsches s oder d. sondern fast sämtliche Vokale und Konsonanten wie in seiner Muttersprache. Hätte dieser Herr in seiner Jugend auch nur ein Vierteljahr lang lautlichen Unterricht genosson, so würde er sich gewiss eine bessere Aussprache angeeignet haben; so aber merkt er gar nicht, dass seine Aussprache mangelhaft ist.

Neuphilogische