Gedichte, die sich schnell dem Gedächtnisse einprägen, zweckmässig. Dass auch mit grossem Nutzen von den allerersten Stunden an von der Anschauung(nächste Umgebung, Anschauungs- bilder) ausgegangen werden kann, bin ich überzeugt und ich möchte weitere Versuche in dieser Richtung warm befürworten. Ich habe solche UÜbungen noch nicht gleich von den ersten Stunden an vorgenommen, sondern erst nach einiger Zeit damit begonnen; glaube aber sicher, dass sie wesentlich dazu beitragen werden, von vorn herein das Interesse der Schüler zu gewinnen und sie mit Eifer für den Unterricht zu erfüllen.
Weshalb ich es für ratsam halte, singbare Gedichte, Lieder, im fremdsprachlichen Unterrichte zu verwenden, habe ich auf der Frankfurter II. allgemeinen deutschen Neuphilologen- Versammlung schon erwähnt*). Für den ersten Unterricht ist das Singenlassen des französischen Textes von grossem Werte. Es unterstützt die Einübung der Laute nicht unerheblich, nicht nur der Nasalvokale, die beim Gesange lange angehalten werden müssen und dadurch besser als reine Vokale zur Geltung kommen, sondern auch der übrigen Laute. Ausserdem dient es zur Belebung des Unterrichts und empfiehlt sich auch für die übrigen Klassenstufen. Wir erhalten auf diese Weise für den Anfangsunterricht den folgenden Plan:
1. Grundlegende Einübung der Einzellaute in etwa 2 Stunden
2. Fortgesetzte Einführung in die Aussprache durch weitere Einübung der Einzellaute und
durch Einführung in zusammenhängenden Sprachstoff: Ubungen an der Lauttafel. Einübung eines Liedes. Sprechübungen auf Grundlage der Anschauung. Zahlen. Er- zühlungen. Daneben kleine Gedichte.
Ich verkenne nicht, dass bei diesem Verfahren die Schwierigkeit besteht, dass der Lehrer in der ersten Zeit ohne Lehrbuch unterrichtet und dass grössere geistige und körperliche An- forderungen an ihn gestellt werden; aber jeder, der auf ähnliche Weise die Einführung in die Kenntnis der fremden Sprache versucht, wird finden, dass die aufgewandte grössere Mühe nicht umsonst ist und dass es dem Lehrer höhere Befriedigung gewährt, wenn seine eigene Persönlichkeit gegenüber dem Lehrbuch mehr in den Vordergrund tritt.
Phonetik im Klassenunterricht.
Wie soll nun der Lehrer bei der Einübung der französischen Laute vorgehen? Dass er die sicheren Ergebnisse der Phonetik zur Unterstützung heranzieht, so weit er sie heran- zuzichen für nützlich hält, darin werden alle einig sein; auch darin, dass es unrecht sein würde, wollten wir ein dem Unterricht zweckdienliches Hilfsmittel von der Hand weisen. Dem Schüler, dem es durch blosse Nachahmung nicht gelingt, den richtigen Laut zu treffen, seinem Fassungs- vermögen verständliche und ausführbare Anleitung zu geben, wie er seine Sprachwerk- zeuge zu verwenden hat, das liegt zu nahe, als dass man es noch besonders hervorzuheben brauchte. Dies ist wohl auch thatsächlich von allen Lehrern bei einzelnen Lauten immer geübt worden, so bei dem der Buchstabenverbindung th im Englischen entsprechenden Laute.
Über das genaue Mass der zu verabreichenden phonetischen Kenntnisse wird sich dagegen nicht leicht eine allgemein gültige Vereinbarung erzielen lassen. Ich halte dies auch nicht für
*) Verhandlungen der Neuphilologen. II. Jahrgang 1887. Hannover, Karl Meyer. S. 33 ff.


