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Augen: Erzielung einer guten Aussprache! Alles Andere ist Nebensache. Beschreibung des Kehlkopfes, Querschnitt des Mundes u. dergl. halte ich also im Klassenunterricht für entbehrlich.
Die phonetischen Hilfen nun werden sich auf Erreichbares zu erstrecken haben. Dazu gehört die Lippenthätigkeit, die Weite der Mundöffnung(Grösse des Kieferwinkels), zum Teil die Zungenthätigkeit(im Französischen in gewissem Falle auch die Zäpfchenthätigkeit) und die Mitwirkung des„Stimmtones“. Mit diesen Hilfen kann schon sehr viel erreicht werden. Von besonderer Wichtigkeit ist es für das Französische, die Lippenthätigkeit, die in gewissen Teilen Deutschlands recht schlaff, fast englisch, überall aber geringer als im Französischen ist, gehörig anzuregen und zu regeln. Wird neben dem richtigen Beachten der Stimmhaftigkeit bezw. Stimm- losigkeit der Konsonanten durch geeignete Hilfen auch nur dieses erreicht, so ist damit schon viel gewonnen. Andererseits werden wir es durch geeignete Anleitung und Ubung erreichen können, dass der Schüler auch für die Stellung der Zunge und ihrer Teile ein gewisses Ortlichkeits- gefühl gewinnt, das ihn befähigt, der Zunge diejenige Stellung zu geben, die zur Hervorbringung des richtigen fremden Lautes nötig ist*.
Die Art der zu erteilenden phonetischen Winke wird je nach den verschiedenen Gegenden verschieden sein. Will der Lehrer die Fehler wirksam bekämpfen, so muss er die Eigentümlich- keiten der deutschen Aussprache seiner Schüler gewissenhaft zu erkennen sich bemühen. Am leichtesten wird ihm das gelingen, wenn er nicht selbst mit denselben behaftet ist, sei es dass er aus einem anderen Landesteile stammt oder dass er durch längeren Aufenthalt in anderen Sprach- gegenden sich über die heimatliche Mundart erhoben hat. Von diesem Gesichtspunkte aus muss es für sehr zweckmässig gehalten werden, dass ein Austausch von Lehrern verschiedenartiger Sprach- gebiete stattfindet. Ein solcher Austausch würde auch nebenbei der Aussprache unserer eigenen Muttersprache, die bis jetzt noch sehr stiefmütterlich bedacht wird, zu beträchtlicher Förderung gereichen**).
Ich sagte schon, dass je nach den verschiedenen Gebietsteilen der Schwerpunkt des lautlichen Vorunterrichts an ganz anderer Stelle liegen wird. Im niederdeutschen und im schlesischen Sprachgebiet wird er mehr auf die Ubung der Vokale, einschliesslich der Nasalvokale, als auf
*) So halte ich es für sehr wohl möglich,— und im Gegensatz zu Christian Eidam(Phonetik in der Schule? Würzburg, 1887. S. 4) auch für angebracht,— den Schülern im Anfangsunterricht den englischen r- und 7- Laut beizubringen.
*) Schön sagt Münch: Zur Förderung des französischen Unterrichts, Heilbronn 1883, S. 35/36:„Eine alles berücksichtigende Karte der Aussprache Deutschlands würde ein Bild von so unvergleichlicher Buntheit und Zerrissen- heit geben, dass die politische Karte der Zeit der schlimmsten Kleinstaaterei einfach dagegen aussähe. Die Augen oder vielmehr die Ohren sind dafür im allgemeinen noch nicht geöffnet, weder für die Tiefe des nationalen Standpunktes noch für die Berechtigung oder Notwendigkeit des gemeinsamen Emporstrebens. Die Ehre und Würde der deutschen Sprache überhaupt ist noch so jung, die deutsche Einheit noch viel jünger. Aber die centripetale Kraft, die in dem deutschen Volkskörper waltet, muss und wird nach und nach auch hierin über die centrifugale siegen. Neben die natürliche Fortentwicklung der Laute nach immanenten Gesetzen muss die Bildung derselben durch den Willen, die Beugung unter eine Norm, ein deutsches Aussprachideal treten. Das zu fördern wäre einer höchsten wissenschaftlichen Centralstätte nicht unwürdig. Die Wirblichkeit bietet es jetzt nirgendwo dar; selbst die gute Theatertradition, die den einzigen Anhalt gewährt, ist locker; Kanzel und Barreau scheinen von einer Ehrenpflicht nach dieser Seite hin kaum etwas zu ahnen; die höheren Schulen entwickeln eine durchaus unzulängliche Thätigkeit, die der Volksschule, deren Lehrer grossenteils aus dem Kirchspiel hervorgehn, ist noch weniger genügend. Hier ist also eine grosse gemeinsame Arbeit der Nation Bedürfnis und muss als solches vor allem anerkannt werden; bis jetzt macht sich vielfach noch
gradezu der Trotz der Stumpfheit breit.“


