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Wortes der Laut ist, die Schrift nur ein Abbild desselben und zwar ein Abbild, das dem heutigen Lautbestand nicht mehr ganz entspricht. Niemand wird heutzutage eine lebende Sprache nur durch das Auge lehren wollen. Der gänzlich„stumme Betrieb“ der Sprache findet im Ernste keine Verteidiger mehr. Sobald aber der Schüler die Sprache auch sprechen lernen soll, darf er wohl verlangen, dass man ihn dieselbe möglichst so lehre, wie sie der gebildete Teil des betreffenden Volkes spricht. Es setzt dies voraus, dass eine als allgemein gültig anerkannte französische Aussprache besteht. Das dürfte aber in der That der Fall sein. Die grosse Masse
der französisch sprechenden Gebildeten ist über die Hauptpunkte der Aussprache— und auf diese kommt es im Klassenunterricht nur an— einig, während das Entsprechende von der Aus-
sprache des Deutschen nicht behauptet werden kann.„Dialektfreies Deutsch“ ist noch nicht das Eigentum aller Gebildeten Deutschlands geworden.
Der Schüler, der mit dem 9. oder 10. Jahre den Unterricht im Französischen beginnt, bringt den Lautbestand mit, der seinem anerzogenen Deutsch eigentümlich ist. Es sind die Laute, welche er von seinen Eltern, Geschwistern und seiner sonstigen näheren Umgebung gelernt hat, die er unbewusst, aber mit grosser Treue und Genauigkeit in sich aufgenommen hat. Diese Aus- sprache ist etwas gemildert durch die drei oder vier Jahre Unterricht, die der Schüler in der Elementar- oder Vorschule schon genossen. Legt man nun dem Schüler, wie bei seinem ersten deutschen Leseunterricht, das gedruckte französische Schriftbild vor, so wird er ganz unbefangen seine mundartlich deutsche Aussprache ins Französische hinübernehmen, wenn man ihn gewähren lässt; und wir erhalten so— falls der Lehrer nicht Mittel und Wege findet, dies zu verhindern — das schlesische Französisch, das sächsische Französisch, das hessische Französisch, das west- phälische Französisch u. s. w. Selbst derjenige Schüler, der so wenig als möglich„dialektis ch“ spricht, dessen Aussprache der idealen hochdentschen so nahe als möglich kommt, wird im gün- stigsten Fall nur ein Deutsch-französisch zu Stande bringen, d. h. ein Französisch, das geschrieben gedacht vielleicht richtig ist, gesprochen aber vollstündig deutschen Lautcharakter hat.
Wie kann der Schüler nun verhindert werden, seine deutschen Laute auf das Französische zu übertragen?
Die erste und unerlässlichste Bedingung ist natürlich die, dass der Lehrer nicht dieselbe landschaftlich deutsch-französische Aussprache zu eigen hat. Ist derselbe sich eines Unterschieds zwischen der deutschen und französischen Aussprache nicht bewusst, so wird er gut thun, sich nicht mit lautlichem Anfangsunterricht aufzuhalten, sondern an der Hand seines Lehrbuches einem möglichst„stummen Betrieb“ der Sprache zu huldigen. Lautlicher Unterricht wäre in diesem Falle nicht nur Zeitvergeudung, sondern sogar gefährlich.
Der Lehrer, der die Absicht hat, seine Schüler gewissenhaft in die Aussprache der fremden Sprache einzuführen, kann dabei auf verschiedene Weise verfahren. Er kann an der Hand des Lehrbuches vorgehen, bei aufgeschlagenem Buche die Wörter und Sätze einzeln vorlesen und nachlesen lassen, die Fehler berichtigen, wieder vorsprechen u. s. f.— oder er kann die betreffenden Wörter und Sätze bei geschlossenem Buche vorsprechen und auf die entsprechende Weise einüben.— Die letztere Art scheint mir den Vorzug zu verdienen. Die Schüler werden dabei nicht durch das Schriftbild zum Lesen, d. h. unbewussten Ubertragen in die heimatlichen Laute verführt. Das Schriftbild bleibt ihnen vor der Hand völlig verborgen, und sie haben ihre ganze Aufmerksamkeit darauf zu lenken, möglichst getreu die vom Lehrer vorgesprochenen Laute nachzuahmen. Natürlich
werden sie anfangs immer wieder in den Fehler verfallen, ihre deutschen Laute hervorzubringen, 1*


