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der Frage der Lautschrift ist sogar geeignet, von dem Wesen der ganzen Reform-Bewegung eine falsche Vorstellung zu geben und von der Hauptsache abzulenken.
Der Ausdruck„Lautschrift“ hat bei vielen fälschlicherweise die Vorstellung erweckt, als handele es sich wieder um eine Art Schrift, die zum Ausgangspunkt gemacht werden soll. Häufig hört man daher etwa wie folgt die Lautschrift von der Hand weisen: Wir haben genug zu thun, unsern Schülern die eine Art der Schreibung, die geschichtlich überlieferte Rechtschreibung, beizubringen, von der nicht wohl abgesehen werden kann. Verlangen wir von ihnen, dass sie sich eine zweite, von der genannten ganz abweichende Schreibung zu eigen machen, so bedeutet dies eine durch nichts gerechtfertigte Überbürdung.
Dass diese unrichtige Auffassung des Schlagwortes in der That schon schädlich gewirkt hat, beweisen Fälle, in denen der sogenannte Versuch mit der„neuen Methode“ in der Weise angestellt wurde, dass die Wörter und Sätze statt in der gewöhnlichen Rechtschreibung den Schülern in Lautschrift geboten wurden, während im übrigen das Verfahren dasselbe blieb, wie es früher gewesen. Die Lautschrift sollte wie eine Art Zauberschrift auf die Geister und Sprach- werkzeunge der Schüler wirken. Es ist klar, dass ein so betriebener Versuch nicht nur die gewünschte erfreuliche Wirkung nicht ergeben konnte, sondern dass er ausserdem noch eine heillose Verwirrung in den Köpfen der Schüler zur Folge haben musste, bei denen nun geschicht- liches Schriftbild und sogenanntes lautliches Schriftbild in wüstem Durcheinander den Kampf um die Herrschaft kämpften.
Nach dem Gesagten könnte es scheinen, als ob ich überhaupt jeder Verwendung der Lautschrift im Unterricht abgeneigt sei. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Es ist vielmehr meine feste Uberzeugung, dass die Lautschrift höchst zweckmässig im Unterricht verwandt werden kann, wenn sie aus dem lautlichen Unterricht herauswächst, sich als ein Erzeugnis lautlicher Vorschulung von selbst ergiebt.
Die Versuche, die ich im englischen und französischen Unterricht mit lautlicher Schulung und Lautschrift in der angedeuteten Weise angestellt habe, ermutigen mich kurz anzugeben, wie ich im Französischen vorgegangen bin, zumal ich auch glaube annehmen zu dürfen, dass derartige Versuche im französischen Unterricht noch nicht viel gemacht worden sind. Wenn sich dadurch der eine oder der andere Fachgenosse angeregt fühlt, auch seinerseits einen Versuch mit dem lautlichen Verfahren in der unten angegebenen Richtung zu machen, so ist der Zweck der nach- folgenden Zeilen erfüllt*).
Lautlicher Anfangsunterricht.
Fragen wir uns zunächst: Weshalb soll der französische Anfangsunterricht ein laut- licher sein?
Ich übergehe die Gründe allgemeiner Art, die dahin zielen zu zeigen, dass die lebenden Sprachen vor allem gesprochen, in zweiter Linie erst geschrieben werden, dass das Wesen des
*) Die III. deutsche Neuphilologenversammlung in Dresden(1888) hat fast mit Einstimmigkeit den Beschluss gefasst:„Der III. Neuphilologentag erklärt es für wünschenswert, dass weitere, möglichst zahlreiche Versuche mit der Lehrweise gemacht werden, die auf lautlicher Grundlageruht und den zutzam mon- hängenden Lehrstoff zum Mittelpunkt des Unterrichtes macht“.— Ich bin überzeugt, dass Vaterrichts- versuche uns in solchen methodischen Fragen ungleich weiter bringen als theoretische Frörterungen.


