Aufsatz 
Die Einführung in die französische Aussprache : lautliche Schulung, Lautschrift und Sprechübungen im Klassenunterricht / von Karl Quiehl
Entstehung
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Wissenschaftliche Beilage zum Programm der Realschule zu Kassel, Ostern 1889.

Die Einführung in die französische Aussprache.

Lautliche Schulung, Lautschrift und Sprechübungen im Klassenunterricht.

Von

Oberlehrer Dr. Quiehl.

Der Unterricht in einer lebenden Sprache hat zunächst die Aufgabe, den Schüler in die Aussprache einzuführen*). Die Art und Weise, wie diese Aufgabe am zweckmässigsten gelöst werden kann, ist mehrfach Gegenstand der Erörterung gewesen und hat auch zu neuen Ver- suchen im Klassenunterricht die Anregung gegeben.

Diese Erörterungen sind oft mit Lebhaftigkeit, zum Teil sogar mit einer gewissen Erregtheit geführt worden. Besonders ist in den letzten Jahren eine Frage in den Vordergrund gedrängt und viel umstritten worden: Die Frage, ob es gut und nützlich sei, eine Lautschrift(Umscchrift, Transskription, transskribierte Texte) im französischen und englischen Klassenunterricht anzuwenden. Während auf der einen Seite behauptet wird, dass man bei Zugrundelegung von phonetisch geschriebenen Texten weit bessere Erfolge für die Einführung in die betreffenden Sprachen erziele, wird von anderer Seite ihnen jeder erzichliche Wert abgesprochen. Und zwar sind es nicht nur die Gegner einer Neugestaltung des Unterrichtsverfahrens überhaupt, die der Lautschrift feindlich gegenüberstehen, sondern selbst Freunde und Anhänger derReform zeigen ihr offenes Misstrauen.

Ehe ich auf das Wesen der Lautschrift näher eingehe, möchte ich hervorheben, dass ich der Frage, ob Lautschrift im Unterricht anzuwenden sei, keine so sehr hervorragende Bedeutung beilegen möchte, als dies von Freunden wie Feinden vielfuch geschieht. Ich kann mir einen Unterricht im Englischen und Französischen recht wohl denken, der dem Charakter der Sprachen als gesprochenen gerecht wird, ohne dass man Lautschrift dabei zu Grunde legt. Ich habe Klassen kennen gelernt, deren Schüler das Französische sehr zufriedenstellend aussprachen, obwohl sie lautliche Texte nicht benutzt hatten. Der Kernpunkt der Frage scheint mir eben nicht der zu sein, soll Lautschrift oder nicht zu grunde gelegt werden, sondern der: soll neben dem geschriebenen das gesprochene Wort zu seinem Rechte kommen? Dieser Frage gegenüber ist diejenige der Lautschrift nur von untergeordneter Wichtigkeit. Ja, das Hervordrängen

*)Ziel ist die richtige Aussprache.Die erste Aufgabe des französischen Unterrichts. Richtigkeit der Aussprache und Geläufigkeit des Lesens bei den Schülern zu erreichen.... muss bis zu einem gewissen Grade jedenfalls erfüllt werden.(Revid. Lehrpläne. Erläuterung 5a zum Lehrplan der Gymnasien.)

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