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Die sittliche Wirkung der Wissenschaft fasst Bacon in der schönen Stelle zusammen: Das scheint uns den Grund des Ganzen zu enthalten, dass sie die Seele so stimmt, nie- mals auszuruhen und gleichsam zu erstarren in ihren Mängeln, sondern immer sich anzu- spornen und Fortschritt zu athmen. Es weiss der Unwissenschaftliche gar nicht, was es heisst, in sich hinabzusteigen und hei sich zu Rathe zu gehen, oder wie züss ein Leben ist, das sich von Tag zu Tag hesser werden fühlt. Die Wahrbeit ist das Siegel, die Güte der Abdruck. ¹) Denn die Reinheit der Erleuchtung und die Freiheit des Willens fangen zugleich an und gehen zugleich unter. Es giht im ganzen All der Dinge keine so innige Sympathie, als die des Wahren und Guten Um so mehr müssen aber gelehrte Männer erröthen, wenn sie, durch die Wissenschaft wie Engel beflügelt, durch die Begierden den- noch wie Schlangen erscheinen, die am Boden kriechen. ²)
Theoretische und praktische Bedeutsamkeit sind in der wahren Wissenschaft unzer- trennlich verbunden. Ist aber die heutige die wahre? Bacon leugnet es. Zunächst von ihrer gänzlichen Unproductivität aus hatte der praktische Staatsmann das herbe Uriheil ge- fällt: die Wissenschaften sind todt, unbewegliche Statuen. Nur eine beständige, wirbelnde Bewegung im Kreise nimmt er wahr Die ersten Begriffe von den Dingen, von denen doch alles andere ausgeht, sind fehlerhaft, verworren und unbedachtsam von den Dingen ahgezogen. Daber ist namentlich die Naturwissenschaft übel zusammengehäuft, ein Bau voll Pracht, aber ohne Fundament. ³)-Vorzüglich an drei verhärteten Krankbeiten jeiden die Wis- senschaften: eitles Wortgepränge überwuchert, hesongders seit den Zeiten Luthers, das Gewicht der Sachen, die Kraft der Gründe, die Schärfe der Erſindung und die Feinheit des Urtheils; eitles Wezünke um scholastische Spitzfindigkeiten und unbeqdeutende Kleinig- keiten verdrängt die gesunde Richtung der Wissenschaften auf den Stoff und erzenget leere Speculationen; eitle Leichtgläubigkeit verhindert die nüchterne Prüfung und pringt den ver- derblichen Autoritätsglauben, Trug und Täuschung hervor. ¹) Bei dem Volke aber gelten meistens Streit und leerer Schein, und was Beifall erlistet und erschmeichelt, als Flüthe der Wissenschaft. Die besten Geister von nicht gewöhnlicher Begahung haben allzu ofl Ge- walt gelitten und unterwarfen sich, für ihren Ruf hesorgt, dem Uripeil der Zeit und der Menge. 5) Für den gewöhnlichan Verstand trägt alles zwar die Gestalt und das Wesen einer vollständigen Wissenschaft an sich; aber die einzelnen Glieder derselhen hahen keinen inhalt und gleichen leeren Kapseln. 6) Diess hängt aber zusammen mit der allzugrossen Verehrung und gleichsam Anbetung des menschlichen Verstandes; denn desshalb haben sich die Menschen von der Betrachtung der Natur und der PErfahrung ahgewendet, und bewegen sich nur in dem Siunen und Dichten ihres eigenen(eistes auf und ab. Ohne die Geduld nu zweifeln, eilt man in hlinder Hast zur Rutscheidung. Ausserdem herrscht eine un- mässige Neigung zu zwei Extremen, nämlich zum Allen und zum Neuen, und eine gebiete- rische und meisterude Art zu lehren, welche Glauben fardert, aber die Prüfung verwehrt. Einer allgemeinen Erkenntniss der Dinge, einer ersten Philosophie eptsagt man. Auch die Koryphäen der Litenatur, statt sich vorzüglich das Ziel zu scizen, ihre Wissenschaft mit etwas Neuem zu bereichern, begnügen sich mit dem untergeordnaten Ehrgeize, feine Interpreten, kräftige Antaganisten, methodische Abhreviatoren zu heissen. Der schwerste Irathum von allen hesteht ahor in der Abirrung vom leizten Zweck der Wissenschaften. Neugierde, Vergnügen, Ehre, L.ust zum Streite, Gewinn und Lebensunterhalt sind für die Meisien die Triebfedern; die Wenigsten streben desshalb darnach, um sie als das von Goit
1) De augm. I, p. 72. 8 Ib. V, 4. 3) Anzt. magn. Vorbemerk, an die Mit- u. Nachwelt. 4) De augm. 1, p. 3. sqq. 5) Inst. magn. praef. 6) N. 0. I, 86.


