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Auch wir gründen einen heiligen Tempel in dem Verstande der Menschen nach dem Muster der Welt, so wie sie gefunden wird, nicht wie einem jeden seine eigene Vernunſt sie eingiebt. Die Werke schätzen wir nur als Pfänder der Wahrheit, nicht wegen ihres äussern Vortheils. Die Dinge selbst aber, in ihrer vollen Wirklichkeit erkannt, umfassen beides,. die Wahrheit und den Nutzen. 1)..
Bacon legle nach seiner Denkweise keiner Frage Gewicht bei, in der er nicht irgend eine Beziehung zum Wohle der Menschheit entdecken konnte. Die Schulphilosophie und die Systeme seiner Zeit hatten ihn misstrauisch gemacht. Mit dem einen Auge muss der Forscher auf die Naiuren der Dinge, mit dem anderen auf den Nutzen der Menschen ge- richtet sein. 2) Vom Standpunkte eines Staatsmannes warf er die Frage auf: was tragen die Wissenschaften zum allgemeinen Wohle bei? Ihre Wirkungen auf den Einzelnen traten dabei zurück vor den Wirkungen auf die Gesellschaft der Menschen. In diesem Sinne sagte er: Wohl denken ist, wenn auch Gott angenehm, doch gegen die Menschen nicht viel besser, als wohl träumen, wenn es nicht zur Handlung führt. Ein rein contempla- tives Leben, das in sich selbst verschlossen keine Strahlen des Lichts und der Wärme in die Gesellschaft der Menschen verbreitet, ³) ist seiner Natur zuwider und seinen Grund- sätzen. Darum tadely er an derselben Stelle den Epikur und Epiktet, sowie die ganze Schulweisheit. Zum Nutzen der Menschen glaubte ich mich geboren; ich fand aber, dass nichts ein so grosses Verdienst um die Menschheit habe, als neue Erfindungen und die Erweiterung der Künste, wodurch die Cultur befördert wird. 4) Darum hat man auch im Alterthum den Erfindern göttliche Ehren ertheilt, den Staatengründern, Gesetzgebern und Aehnlichen, die um das bärgerliche Leben sich verdient machten, nur die Ehren der He- roen zuerkannt. Und gewiss bei richtiger Vergleichung mit gerechtem Urtheil. Denn die Erfindungen sind gleichsam neue Schöpfungen und Nachahmungen der Werke Gottes; ihre beglückenden Wirkungen erstrecken sich auf alle Menschen, alle Zeiten, ohne Gewaltthat und traurige Verwirrung zu stiften. ⁵) 1
Aber so hoch auch Bacon die Werke und Erfindungen stellt, das Leben im Besitz und in der Betrachtung der Wahrheit bleibt auch ihm das Höchste. Die Erforschung der Wahrheit; welche um sie wirbt wie ein Freer; die Erkenntniss der Wahrheit, welche die gegenwärtige festhält; die Aufnahme der Wahrheit mit Beistimmung, welche ihr Genuss und ihre Umarmung ist, sind das höchste Gut der menschlichen Natur.— Das grade heisst den Himmel auf Erden geniessen, wenn der menschliche Geist in Liebe bewegt wird, in der Vorsehung ruht und über den Polen der Wahrheit schwebet. 6) Wie sehr wir auch dem Lichte zu danken haben, dass wir einen Weg einschlagen, Künste ausüben, lesen und uns gegenseitig unterscheiden können: so ist doch das Sehen des Lichtes selbst noch etwas Vortrefflicheres und Schöneres, als sein vielfacher Nutzen. Ebenso ist gewiss auch die. Betrachtung der Dinge selbst, wie sie sind, ohne Aberglaube und Betrug, ohne Irrthum und Verwirrung in sich selbst weit würdiger, als der gesammte Nutzen der Erfindungen.)
Weit entfernt ist also Bacon der Würde der Wissenschaft zu nahe treien zu wollen; er weiss sie vielmehr mit Lebhaftigkeit und Geist gegen die Vorwürfe zu vertheidigen, die entweder von dem blinden Eifer der Theologen und von dem Stolz und Argwohn der Politiker gegen sie erhoben werden, oder in den Irrthümern und Mängeln der Gelehrien selbst ihren Grund haben. ⁸) Den ersten ruft er zu: Nicht die reine, ursprüngliche Naturwissenschaft hat den Sündenfall verursacht. sondern jenes stolze Wissen des Guten
4) 1) N. 0. I, 120. 124 2) Opera III, p. 366. 3) Serm. fidel. III.; de augm. VII, 1. 4) Oper. III, p. 386. 5) N. 0. 1, 129. 6) Serm. fd. I. 7) N. 0. I, 129. 8) De augm. I, p. 5 sdq.
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