Aufsatz 
Franz Bacon's Standpunkt und Methode / von Polack
Entstehung
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und Politik zu betreibenenein, gleich wie Uimmel und Erde zugleich darin übereinstim- men, das Leben der Menschen zu erhalten und zu erfreuen: so müssen auch wahrlich jene beiden Zweige der Philosophie diesen Zweck haben, Speculationen und was eitel ist zu verwerfen, zu bewahren aber alles, was gediegen und fruchibar ist.) Bacon ist kein theoretischer Systematiker; aber er ist ein denkender Beobachter der Wel. Bei der Betrachtung der Wissenschaften seiner Zeit fällt ihm vor allen ein verderblicher Mangel auf, und aus ihm erwächst ihm zunächst seine Aufgabe, die er zu lösèn unter- nimmt. Welches ist dieser hervortretende Mangel? Die Wissenschaften, antwortet Bacon, wie man sie jetzt hat, sind unnütz zur Erfindung von Werken. ²) Die Erzeugnisse des Geistes und der Hand scheinen zwar sehr zahlreich; ³) aber primitive Beobachtungen und Naturwirkungen, welche sich wie die bewegenden Seelen zu jener ganzen Mannig- faltigkeit verhielten, besitzen wir nicht viele und diese sind nicht tief hergeholt. 1) Auch die bisherigen Erfindungen verdankt man mehr dem Zufall und der blossen Erfahrung, als den Wissenschaften. Denn die heutigen sind nichts anderes, als eine Zusammenfügung von vorher Gefundenem; sie enthalten keine Methoden zum Auflinden, keine Bezeichnung neuer Werke. 5) Neue Erfindungen können bei ihrem jetzigen Zustande nur im Laufe von Jahr- hunderten erwartet werden. Denn der Zufall ist zwar ein nützlicher Urheber; aber er streuet auf langen Umwegen seine Gaben aus. 6) Ja es kommt ihm vor, als ob man neue Entdeckungen und neue Leistungen der Wissenschaft als ein eitles und arges Unternehmen stolz verschmähe.) Aber die Menschen scheinen uns weder ihren Besitz noch ihre Kräfte recht zu kennen; daher kommt es, dass sie jenen überschätzen und nichts weiter suchen, diese an dem Unwichtigen verschwenden, in der Hauptsache aber nicht erproben. So werden sie von der Sehnsucht und Hoffnung weiter zu dringen, nicht mehr gereizt. Die Meinung des Reichthums aber gehört unter die grössten Ursachen unserer Armuth. Und doch wenn jemand in die ganze Masse der Bücher jeder Art etwas genauer hin- einsieht überall nichts als unendliche Wiederholungen derselben Sache, nur der Be- handlung nach verschieden, der Gehalt längst hekannt und gering. Jene Weis- heit, die wir von den Griechen vornehmlich geschöpft haben, scheint gewissermassen das Knabenalter der Wissenschaft zu sein und das Knabenhafte an sich zu tragen, dass sie fertig ist zum Schwatzen, zum Erzeugen aber unvermögend und unreif; denn an Streitreden ist sie fruchtbar, zu Werken geschwäch. 80 giebt jene Fabel von der Scylla ein lebendiges Bild von dem heutigen Zustand der Wissenschaften. Denn wie jene nach oben Antlitz und Züge einer Jungfrau zeigte, unten aber von bellenden Ungeheuern umgürtet war: so haben auch unsere Wissenschaften in ihren allgemeinen Sützen gewöhnlich einen lockenden Schein; wann es aber zur Ausführung des Einzelnen kommt, und es sollen fruchthare Resultate sich ergeben, dann erheben sich die Streitig- keiten und bellende Disputationen. Wenn solche Wissenschaften nicht etwas ganz Todtes wären, so hätte das nimmermehr begegnen können, was schon so viele Jahrhunderte hin- durch wirklich geschioht, dass sie fast unbeweglich stille stehen und kein der Menschheit würdiges Wachsthum nehmen. Wie ganz enigegengesetzt ist es bei den mechanischen Künsten! Als ob sie eine eigene Lebensluft genössen, wachsen sie tüglich und vervoll- kommnen sich. Die Philosophie dagegen und die intellectuellen Wissenschaften werden wie Bildsaulen verehrt und gefoiert, aber nicht fortbewegt. ²) Praktische Resultate, Wenke, Erüindungen, mit einem Worte Wissenschaften, die etwas erzeugen und fortschreiten, ver-

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1) De augm. sciemt. I. p. 47. 2) N. 0. 1, 11. 3) N. 0. I, 7. 4) Cogit. et vis. p. 4., 5) N. 0. I, 8. 6) Coglt. et vis. p. 2. 7) Cogit. ot vis. p. 4. 8) Inst. magn. praef. 1 1