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Menschen zu erwarten sei. Unsere Zeit ist überwiegend Baconisch gesinnt. Eine Hinwei- sung auf ihn kann nicht befremden; denn zu den Anfängen wichtiger Erscheinungsformen des Lebens der Gegenwart zurückzugehen, ist Sache geschichtlicher Betrachtung. Zwar über Bacon hinaus könnte man glauben diese Anfänge alsdann verfolgen zu müssen. Aber hier gilt der Grundsalz: diejenigen Thatsachen in der Geschichte, welche nicht die Kraft hatten eine fortdauernde Richtung auf einem Gebiete des menschlichen Strebens zu erzeugen, stehen vereinzelt und können nicht als principielle oder neubegründende in derselben ange- sehen werden. In dieser Beziehung sind Bacon und Sokrates ebenso principielle Erschei- nungen, als Cartesius und Kant. Der Standpunkt und die Methode Bacom's seien also Ge- genstand dieser Betrachtung; aber höchstens die Begierde nach weiterer Bekanntschaft mit demselben zu erwecken, nicht qie Befriedigung umfassender Einsich kann in diesen Blät- iern das Ziel sein. Dass Bacon so viel als möglich selbst rede, kann nur zum Vortheil des Lesers gereichen. 3
Wul man Bacon begreifen, so darf man den Massstab des Systems an ihn nicht an- legen. Keines seiner Werke trägt die Form eines solchen, an sich, und er selbst sucht dieser falschen Vorstellung von seinem Unternehmen zu begegnen. Vor allem muss ich fordern, dass niemand glaube, wir wollten naeh Art der alten Griechen oder einiger Neueren,
. wie Telesius, Patricius u. A. vine Schule in der Philosophie gründen; denn das beabsichtigen wir weder, noch glauben wir auch, dass für die Wohltahrt der Menschen viel darauf an- komme, was für abstracte Meinungen jemand über die Natur und principien der Dinge hege.— Und obgleich wir hier und da in manchen speciellen Puncten weit mehr Wahres, Sicheres und Fruchtbares darzubieten haben, als die Menschen bis jeizt besitzen: so stellen wir dennoch keine allgemeine und vollständige Theorie auf; denn dafür scheint die Zeit noch nicht gekommen zu sein..).
Aber wo liegt alsdann Bacon's Bedeutung für die Wissenschaft? Eben darin, worin diejenige des Sokrates für den Gang der Philosophie gelegen ist. Wie dieser gegenüber der herrschenden Sophistik seiner Zeit und der Naturphilosophie der Vorzeit das eigene Innere des richtig denkenden Menschen zur Wurzel des Wissens von der Wahrhen machte: so war Bacon in dem umgekehrten Falle„ der rhelorischen Systematik und Sophisiik seines Jahrhunderis gegenüber die lebendige Wirklichkeit des äusseren Dageins zu der nur auf richtigem Weg zu gewinnenden Grundlage der Wissenschaft zu erheben. Jener ward An- fanger des griechischen Idealismus, der in Plato und Aristoteles zur Entfaltung kam, dieser des sensualistischen Reslismus, der durch Locke, Berkeley und Hume seine weitere Ent- wicklung erhielt. Bacon und Sokrates nehmen, historisch betrachtet, eine ähnliche Stellung zum Zeilgeiste ein. Beide wollen eine gänzlich veränderte Grundrichtung des Denkens und Untersuchens; beide wissen den Ort, wo sie die Wahrheit zu finden glauben; der eine sucht den richtig defnirten Begriff, um zum Wissen zu gelangen, der andere das gültig
formulirte Geseiz der Natur in derselben Absicht; jener glaubt, dass das Wissen um den Begriff die Tugend und das Glück, dieser, dass das Wissen um die Gesetze der Natur die Macht und das Glück der Menschen zur nothwendigen Folge haben müsse; Sokrates wie Bacon gehen inductörisch zu Werke. Der englische Philosoph ist sich dieser mit dem Griechen verwandten Stellung zu der Aufgabe der Zeü nicht unbewusst; aber er kenm auch vollkommen, was ihn von demselben scheidet. Das liegt mir nicht in dem Sinne, was man von Sokrates gesagt hat, die Philosophie vom Himmel herabzurufen, damit sie nur allein auf Erden sieh bewege, d. h. die Physik bei Seite zu setzen und allein Moral
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81) A*on. G. Amstendam. Npv. Org. I, 116.
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