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aus dem sie in mondhellen Nächten zuweilen wieder hervorgeht. Den Grundgedanken in den „Wahlverwandschaften“, die Heiligkeit der Ehe, in seiner absoluten Gesetzmäßigkeit zum Ausdruck zu bringen, bedurfte Goethe einer so kindlich reinen, weltsinnfreien, betrachtsamen, tiefinnerlichen Natur, wie sie dort gezeichnet ist, und in diesem Kern ihres Wesens stimmen die beiden Ottilien miteinander überein. Um den Charakter seiner Heldin noch deutlicher hervorzuheben, stellt ihr Goethe die welterfahrene Charlotte und die wilde Luciane gegenüber. Wenn sie auch einige geeignete Züge von Minna Fferzlieb trägt, so braucht man deswegen wohl nicht mit Lewes auf das Schließen einer Herzenswunde beim Dichter zu fahnden, ebensowenig wie bei vielen sonstigen, von ihm dem Leben und der Beobachtung entlehnten Zügen. Das überirdische Beiwerk hält er fern, doch nennt er sie„das gute, schöne, herrliche“, zuweilen„das himmlische“ Kind, das trotz aller Einfachheit durch ruhiges, sanftes, anziehendes Wesen in jeder Gesellschaft am ersten oder letzten Platze die Schönste bleibt. Schrecklich geht ihr, wie ihrer Namensschwester, die Er- kenntnis ihrer Schuld auf. Die Sinne vergehen ihr. Augenblicklich kommt ihr aber auch die Erkenntnis des Rechten. Sie büßt und ist entschlossen, die Ruhe des Gemüts in einer befriedigenden Tätigkeit in der Ferne wiederzuerlangen, als Eduards Dazwischenkunft die Abreise vereitelt. Auch die elsässische Ottilie würde„Ruhe, Schönheit und Heiterkeit, welche fast ganz in dem gefähr- lichen Selbststreit verloren gingen, endlich wiedererlangt haben, wenn nicht das Schicksal von einer andern Seite auf sie losgestürmt wäre und sie dem Ende ihrer Leiden entgegengeführt hätte.“ Das Eheprojekt des Vaters tritt nämlich dazwischen.„Es war wirklich mit den ernstesten Sterbens- gedanken, daß sie zur Ruhe ging, und nur die Kenntnis ihrer Pflicht konnte sie abhalten, nicht durch eine Nebentür aus der Welt zu schlüpfen; doch war der Kampf zwischen Religion und dem Entschlusse zu diesem äußersten Mittel nicht klein.“² Sie ergreift die Flucht zum Nonnenkloster im wilden Walde, das sie nicht mehr erreicht. Goethes Ottilie geht dem Ende durch Enthaltung von aller Nahrung entgegen. An ihrem Sarge geschieht ein Wunder. Die Tote wird wie eine Heilige verehrt, gleich der des Ottilienbergs.
Die erste Erzählung desselben Bandes ist betitelt„Das stille Volk“. Sie enthält auf S. 99— 104 die Schilderung einer Zwergenhochzeit, die an die Vorgänge in Goethes„Hochzeitslied“ erinnert. Ritter Heinrich und seine ihm soeben erst angetraute Gemahlin Helene von Ravensberg sehen in der Hochzeitsnacht sich den Boden des Schlafgemachs öffnen und ein fröhliches Ge- wimmel von Gnomen und Gnominnen, den Schutzgeistern des Hauses, hervorquellen, die, mit tausend Freudenbezeugungen sie begrüßend und beschenkend, ein kleines hochzeitliches Paar vorführen, einen zierlichen Brautzug bilden, ein Hochzeitsmahl anrichten und mit einem Fackeltanz schließen. Düntzer weist in seinen Erläuterungen zum Hochzeitsliede auf diese Stelle hin, möchte sie aber nicht für Goethes Quelle annehmen und vermutet eher, daß der Dichter die Sage von der Zwergenhochzeit irgendwo mündlich mitgeteilt erhalten habe. Vielleicht ist die noch unbekannte Quelle B. Nauberts— man spürt's, daß sie an einem älteren Stoffe, der bei Goethe reiner erscheint, nach ihrer Weise gemodelt hat— auch diejenige des Dichters.
„Ottbert“, die letzte Erzählung des IV. Bandes, handelt von dem Orafen von Habsburg. Ottbert, der älteste Sohn des gleichnamigen Grafen, wird von seinem Vater auf Nachforschungen nach dem heiligen Trutbert ausgeschickt, der auf habsburgischem Grunde erschlagen worden sein soll. Graf Albert, ein Vetter, im Besitze übernatürlichen Wissens, führt den um Rat bittenden Ottbert in das unterste Gemach seiner Burg, wo eine silberne Ampel über einem silbernen Amboß und Hammer hängt. Er gebietet ihm, zum Kloster des heiligen Pachomius nach Tavenna in Agypten zu reisen, dort werde er St. Trutbert finden. Sollte inm von der Heimat aus Gefahr drohen
Neue Volksmärchen I, 348. ² Ebda. I, 350.


