Aufsatz 
Anklänge an die zeitgenössische Literatur in den Werken Schillers und Goethes
Entstehung
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Ohnmächtig sinkt auch Thekla von Wallenstein dem schwedischen Kurier in die Arme, der ihr die Nachricht vom Tode ihres Geliebten gebracht hat. Fortan kennt sie nur noch einen Zweck, der zudem auf der Stelle verwirklicht sein will: die Reise zum Grabe Max Piccolominis. Wallensteins Tod IV, Sz. 11:Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe, Die du mir stets gelobt! Beweise dich Als meine treue Freundin und Gefährtin! Wir müssen fort noch diese Nacht.... Wohin? Es ist nur ein Ort in der Welt! Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!.... 0, halte mich nicht auf! Komm' und mach' Anstalt!.... N.: Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn? Th.: Ich fürchte keines Menschen Zürnen mehr.... N.: In dieser rauhen Sturmnacht? Th.: Ward ihm sanft Gebettet unter den Hufen seiner Rosse? N.: Die weite Reise Th.: Zühlt der Pilger Meilen, Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt? N.: Wo finden wir die Pferde zu der Flucht? Th.: Mein Kavalier verschafft sie. Geh' und ruf' ihn! N.: Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden, Wenn Sie verschwunden sind? Th.: 0, meine Mutter! N.: So viel schon leidet sie, die gute Mutter. Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen? Th.: Ich kann's ihr nicht ersparen. Geh' nur, geh'!

Die dem GedichteDer Graf von Habsburg« zu Grunde liegende Erzählung findet sich auch in der Geschichte Ortberts im IV. Bande der

Neuen Volksmärchen der Deutschen.

Doch hat die Verfasserin sie nicht zum Vorteil umgemodelt. Schiller, der bekanntlich Tschudi folgt, hat ihrer Darstellung nichts entnommen. Die einzige bei ihm nachweisbare Anregung aus den Neuen Volksmärchen ist S. 6 angegeben worden. Mehr scheint Goethe von dem Werke ge- fesselt worden zu sein. Der IJ. Band enthält an dritter Stelle die romantisch ausgeschmückte Ge- schichte Ottiliens, jener elsässischen Heiligen, der Goethe inWahrheit und Dichtungi anläßlich einer Ende 1770 oder Mitte 1771 auf den Ottilienberg unternommenen Wallfahrt gedenkt und deren Namen er auf die Hauptperson in den Wahlverwandtschaften übertragen hat. Sie ist die Tochter der von ihrem Gemahl verlassenen Oräfin Ottilie und wurde, da ihre Geburt der Mutter das Leben kostete, bis zum siebenten Jahre von ihrer Patin, der Jungfrau Maria, auf wunderbare Weise(im Himmel) erhalten. Träumerisch, schwärmerisch, stolz, aberschöner, klüger, weiser, tugendhafter und einnehmender als alle ihre Zeitverwandten,? so wächst sie heran, ohne Neigung, sich zu vermählen, da ihr Sinnen auf Außerirdisches gerichtet ist. An den Geist der Finsternis, der sich ihr in übermenschlicher Majestät und Schönheit naht, hätte sie ihr Herz beinahe verloren. Sie ringt schwer mit sich, als sie ihn erkennt, und büßt. Demütig unterwirft sie sich dem Willen des Vaters, der ihr einen Bräutigam seiner Wahl zubestimmt; doch flößt ihr dieser Wüstling beim ersten Anblicke einen solchen Abscheu ein, daß sie entflieht. Von ihm und dem Vater verfolgt, vom Bösen gelockt, fleht sie die heilige Jungfrau um Rettung an und wird in den Ottilienberg aufgenommen,

¹ Wahrheit und Dichtung, Buch XI, S. 46.* Bd. I, S. 321 der Neuen Volksmärchen.