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„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr.— Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.“
Der erwähnten Versammlung geht eine andere, sich an Falkenhelms Rückkehr in die Heimat anschließende voran, die sich aus der allgemeinen Begrüßung durch die herzustréömenden Freunde entwickelt.’ Es wird hierbei die Bundesurkunde verlesen, berichtet, was jeder Bruder während der Abwesenheit Falkenhelms im Sinne der Bundesidee getan hat, gefragt, warum man sich dem Auflösungsbefehl so ohne Widerspruch gefügt und das gute Werk mit dem Mantel der Geheimniskrämerei verdeckt habe, und die Wiederherstellung des Bundes beschlossen. Das führt sofort zur Frage nach seiner Stellung zum Landesherrn, der aus Schwäche arge Mißstände im Lande hat einreißen lassen. Soll man ihn demütig um Abstellung derselben bitten oder sich mit Klagen an den Kaiser wenden? Warum soll sich gerade der Bund rühren? Wäre das nicht Empörung gegen den Lehnsherrn? Was würde ein Aufstand dem Ganzen frommen? Wie hat sich die Kirche dabei zu beteiligen? Hier, wie in der Rütliszene, wird eine Frage von großer politischer Tragweite von einer Versammlung systematisch und vielseitig behandelt. Die Rolle Stauffachers bei Schiller fällt hier Falkenhelm zu; beide begründen das Vorgehen ihres Bundes vom Standpunkte der Menschenrechte aus. Die heikelsten, zu tieferer Erörterung zwingenden Einwände werden einem Mönche, dem Bruder Wolfin, in den Mund gelegt, wie gleicherweise Pfarrer Rösselmann in der Rütliszene durch den Rat, das Land möge sich doch an Österreich ergeben, den Beschluß der Unabhängigkeit von sterreich herbeiführt.
Der äußere Nachweis, daß Schiller die„Sagen der Vorzeit“ gekannt habe, wird schwer zu erbringen sein. Das Werk hat gleich bei seinem Erscheinen nicht geringe Beachtung gefunden; die ersten beiden Bände erschienen schon 1790 in neuer Auflage, das Ganze 1810. Es ist in der 1. Auflage auf den Bibliotheken zu Weimar und jena vorhanden. Leicht wie die angeführten Spuren ist auch eine andere, welche die Lektüre des„Tugendspiegels“(III. Band der„Sagen der Vorzeit“) in„Wallensteins Tod“ zurückließ. Floribelle, die Königin von Dänemark, hat ihren Gemahl Adolf nur sehr ungern nach Frankreich ziehen lassen, denn sie ahnt Unglück. Wortlos und ohnmächtig sinkt sie dem wiederkehrenden greisen Diener Leuthold in die Arme, als er meldet, daß ihr Gemahl im Blutturm des Königsschlosses zu Paris liege und dem Tod entgegen- sehe.“ Ihr Entschluß ist alsbald gefaßt: sie muß sogleich fort nach Paris, ihn zu retten. Leuthold hat drei starke Renner aus dem Marstalle, Rüstung und Gold zu nehmen, ein Schiff zu mieten und sie zu erwarten. Die entgegenstehenden Bedenken werden niedergeschlagen:„Oen Frankreich wollt Ihr?“— Floribelle:„Kennt auch treue Liebe Raum oder Entfernung? Staune nicht, frage nicht, tue!.... Leuthold, zauderst du noch? Unser Adolf stirbt, wenn du zauderst. Flore, deine Tochter bin ich. Deine Dirne betet noch diese Nacht in der Burgkapelle für ihren und deinen Adolf; bete auch du für ihn, uns erhört Gott gewiß“.— Leuthold:„Betet auch euer königlicher Vater mit uns für ihn?“— Floribelle:„Geh, Leuthold, mehre mein Unglück nicht. Adolf ist mir näher. Oott wird alles wohl machen. Geh und sei vorsichtig, daß niemand dein gewahre.“—
¹ Weber, Sagen der Vorzeit IV, 186—232. ² Sagen der Vorzeit, III. Bd. p. 174. Leutholds Worte:„Wie kalt ihre Stirne, und wie kreidig ihre Lippen! Wenn sie stürbe! Hätt' ich nur ein Federchen, es ihr vor den Mund zu halten, ob sie noch atmet!“ erinnern an die Eingangsworte in der Sterbeszene zu Attinghausen: „Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber.— Er liegt nicht wie ein Toter. Seht, die Feder Auf seinen Lippen regt sich!“ 3³ Sagen der Vorzeit III, 176.


