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Ganz ähnlich gelangt Graf Otto von Oldenburg, aus Wittekinds Stamm, zu der Walkyrie des Osenbergs, die seinem Hause die Krone der skandinavischen Reiche prophezeit. Nachdem er nämlich den ganzen Tag über mit großem Erfolge der Wolfs- und Bärenjagd obgelegen hat, wird er gegen Abend von einem seltsamen Tiefsinn, einer unerklärlichen Schwermut befallen, gibt ermüdet das Waidwerk auf und wirft sich unter einen Baum.„In diesem Augenblicke brach ein junges, schneeweißes Reh aus dem Gebüsch und floh ganz nahe vor ihm über. Der Jäger fuhr auf und griff nach seinem Wurfpfeil.... Das Geschlecht der weißen Rehe war auf Graf Ottos Burg längst ausgestorben.... Graf Otto glaubte es mit den Händen fassen zu können, so nahe war es ihm, aber schnell begann es wieder seinen Vogelflug und der jäger.... schwang sich auf sein Roß, es zu ereilen. Das ruhelose Jagen dauerte bei einer Stunde. Das Wild, welches der Geschwindigkeit des Rosses spottete, hatte jetzt den Wald zurückgelegt und floh quer über die Ebene nach dem Osenberge zu, wohin nach einer angenommenen Regel, deren Grund niemand anzugeben wußte, in den damaligen Zeiten nie ein Waidmann die Verfolgung eines Wilds ausdehnte.... Das Roß keuchte, das Reh, vor wenig Minuten nahe genug, um von dem Pfeil erreicht zu werden, verschwand, und er sah sich mitten auf einem Hügel.... Er hielt sein Pferd an, er schaute rund umher.... er stieß in sein Horn, kein antwortender Schall aus dem Walde. Ach Cott, sagte er mit einem befremdenden innerlichen Schauer.... ach Gott, ich hier so einsam und so ganz verschmachtet! O, wer hier wenigstens einen kühlen Trunk hätte!.... Zwei Schritte von ihm öffnete sich der Boden, ein leichter, bläulicher Dunst wand sich heraus, er zerteilte sich, und eine holde Jungfrau stand dem staunenden Grafen gegenüber.... Nichts vermißte man an ihr, was zur vollkommenen Schönheit gehört, als das sanfte Rot, das sonst auf den Wangen der jugend glüht.... Du dürstest, Otto? fragte sie, indem sie lächelnd ein goldenes Trinkhorn unter dem Schleier hervorschimmern ließ.... Nimm! Es ist der Trank der Könige! Und trinkst du ihn, so begrüße ich dich zuletzt als den Herrn der drei nordischen Kronen.“(„Das oldenburgische Horn“. Neue Volksmärchen der Deutschen, Bd. II, S. 228— 235).
Ohne sich zu kennen, empfinden die Geschwister eine gewisse Zuneigung zu einander,“ die in der Braut von Messina zur Liebe anwächst. Wie Prinz Karl seine Braut lIrene bei dem gefürchteten heidnischen Heiligtum der Irmensul aufsucht, wohin sich die Späher ihm zu folgen scheuen, so stiehlt sich Don Manuel allabendlich in den Garten des Klosters der heiligen Cäcilie.* Wie Diego aus Kenntnis der Verhältnisse im Fürstenpalaste Beatrice auf eine Zeit vertröstet, die alles lösen werde, und schließlich den Tag genau angibt, an dem ihr Schicksal sich entscheiden werde, so hat Pater Johann dem Helden Albion prophezeit, daß der Augenblick nahe sei, wo die Dokumente in Adelheids Sache sprechen werden,“ ja hat schon für den Fall seines früher erfolgenden Todes Claudia in Adelheids Verhältnisse eingeweiht.“ Hiervon abgesehen, erinnert aber der die Schicksale des Kaiserhauses und speziell seiner Anbefohlenen mit prophetischem Geiste begleitende
Pater an den Greis des Berges, der „Einsiedelnd auf des Atna Höhen haust, Ein frommer Klausner,.... welcher näher Dem Himmel wohnend, als der andern Menschen Tiefwandelndes Geschlecht, den ird'schen Sinn In reiner, leichter Atherluft geläutert Und von dem Berg der aufgewälzten Jahre Geschichte Emmas I, 169 etc. 171:„Sein Umgang und seine Gespräche machten mir soviel Vergnügen; es war mir so wohl in seiner Gesellschaft, daß ich zu diesen glücklichen Zeiten an nichts, das außer uns und unseren Jagd- angelegenheiten war, denken konnte.“(Adelheid über Ludwig.) ²2 Ebda II, 200— 202. Braut von Messina, Akt I, Sz. 7; die Ausführungen lauten an beiden Stellen ganz ähnlich. ² Braut von Messina I, 7; Geschichte Emmas II, 295; 264.


