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desselben zu bewegen. Zur Sühne erlegen die Priester Sesorchis vieljährige Eroberungszüge auf. Athyrtis geht, von Tnephachtus gewarnt und doch zugleich angestachelt, den Weg der Schrecken und unsagbarer Leiden durch die Abgründe der Unterwelt und des Chaos. Sie kehrt nicht als Irdische zurück. Vor dem thronlüsternen Tnephachtus rettet sie die siegreich heimkehrenden Eltern durch ein Wunder und erscheint ihnen auf Augenblicke an jedem Neumonde. Glücklicher ist sie durch ihr nöheres Wissen und die errungene übermenschliche Existenz nicht geworden. Was sie erfahren, ver- schweigt sie.„Mein eigner Vorwitz war mein Fall. Stolz, Eitelkeit, Durst nach verbotenem Wissen und mancher daraus entspringende falsche Zug meines Charakters, konnte vielleicht nicht anders bestraft, nicht besser ausgetilgt werden als durch die Qualen, die ich litt.“«« Dieses Selbstbekenntnis enthält auch die Grundzüge des Charakters des„wagenden“ jünglings von Sais. Der Ffierophant begehrt, gleich Tnephachtus, obgleich geweiht, die letzten Geheimnisse nicht. Seine Reden sind gleicherweise geeignet zu warnen und anzuspornen. Er betont das bestehende Verbot, läßt aber den auf eigne Gefahr Zuwiderhandelnden gewähren. Der jüngling beschreitet, wie Sesorchis und Athyrtis, den verbotenen Weg um Mitternacht, während der Mond am klaren Hlimmel steht,? und sein Gang durch die Rotonde erinnert etwas an den Gang jener durch den riesigen, düsteren Grabpalast des Osymandias. „Athyrtis“ erschien 1703,„Das verschleierte Bild zu Sais“ im Herbst 1795. Wie wir sehen, hat Schiller noch von zwei Seiten außer der bisher bekannten Quelle— Br. Decius' Schrift über die ältesten hebräischen Mysterien— her Anregungen empfangen, doch hat er sie in durchaus selbständiger Weise benutzt und mit dem Stoffe der Hauptquelle zu einem künstlerisch abgerundeten Ganzen verbunden. Andere Anklänge finden sich an die Braut von Messina. Wie die Kaiserin Hildegard, so verbirgt auch die Fürstin Isabella ihre Tochter und läßt sie in der Einsamkeit erziehen. Nur ein alter Diener, Diego, weiß um Beatrice und stattet der Mutter von Zeit zu Zeit über sie Bericht ab. Adelheid und Beatrice wachsen ohne Ahnung ihrer hohen Abkunft auf. Sie kennen ihre Mutter nicht, doch haben sie aus frühester Kindheit her eine dunkle Erinnerung an sie als eine gütige hoheitsvolle Dame, zu der sie sich innig hingezogen fühlten, bewahrt.’ Ludwig und Adel- heid werden, wie Manuel und Beatrice, durch die Jagd zusammengeführt. Manuels Bericht darüber ist allerdings einer andern Quelle nachgebildet: „Wir hatten schon den ganzen Tag gejagt Entlang des Waldgebirges— da geschah's, Daß die Verfolgung einer weißen Hindin Mich weit hinweg aus eurem Haufen riß. Das scheue Tier floh durch des Tales Krümmen, Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrüpp, Auf Wurfes Weite sah ich's stets vor mir, Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen, Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir Verschwand. Schnell von dem Ross herab mich werfend Dring' ich ihm nach, schon mit dem Speere zielend, Da seh' ich wundernd das erschrockne Tier Zu einer Nonne Füßen zitternd liegen, Die es mit zarten Händen schmeichelnd kost. Bewegungslos starr' ich das Wunder an...“ Br. v. M., Akt. VI, Sz. 7.
¹ Alme I, 167.
²2 Daß dies nicht Zufall sein soll, beweisen die Worte des Marianus in„Gebhard, Truchseß“ etc. I, 29: „Der Tempel der Theosophie ist die freie Natur. Unter dem offnen Auge des Himmels, freilich nicht bei Sonnenschein, dies verbietet die Natur der Sache, aber doch allemal unter der Beleuchtung himmlischer Körper, tritt der Astrolog auf, euch einen Blick in die heiligsten Geheimnisse tun zu lassen“.
3 Geschichte Emmas I, 159— 165. Braut von Messina Akt III, Sz. 3, Akt IV, 8z. 3.


