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bestimmten, darauf gerichteten Willen nicht widersetzt.“ Stets bereit zu beraten und zu leiten, steht er von Rat und Führung ab, wenn man sich nicht damit bescheidet, ihn für sich sehen zu lassen, sondern selbst„den Schleier der Zukunft von den Augen hinwegziehen“ will.“ Claudia erklärt er:„Wer sich getraut, hinter den Vorhang der Zukunft zu blicken, der ist mehr als ein Mensch, oder dünkt sich mehr zu sein. Er muß sich vermöge der erhabeneren Stufe, die er ein- zunehmen sucht, auch selbst zu leiten wissen, und da er kein Kind mehr sein will, das an der Hand des Vaters ruhig fortgeht, so darf er auch keine Stütze, keinen Führer mehr suchen, sondern in dem Augenblicke, da er so handelt, alles nach seinem eigenen Rate unternehmen.“ Doch unter- läßt er nicht, von den Schrecken zu sprechen, die den Menschen bei dem, was sich ihm vorstelle, ergreifen und die ihm das Leben kosten können.“ Leutberga, Claudiens falsche Freundin, weiß, daß„manche ihren Vorwitz mit dem Verluste ihres gesunden Verstandes haben bezahlen müssen, oder daß die Gesichte, die sich ihnen gezeigt hatten, wenigstens einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht haben, daß alle ihre Munterkeit, alle Ruhe ihres Herzens verloren gegangen.““ Leutberga rechnet sogar damit, daß der Freundin, der sie den Bräutigam abspenstig macht, solches wider- fahren werde. Schuldlosigkeit ist jedenfalls bei dem Unterfangen Vorbedingung.„Wisse,“ lehrt der Einsiedler,„niemand darf mit den Kräften, die über uns sind, in eine genauere Verbindung treten, als anderen Sterblichen erlaubt ist, der nicht ein ganz reines Herz in seinem Busen trägt.“ Die schuldlose Claudia, die„ihrem natürlichen Triebe zum Wissen““(in ihrer Herzensangelegenheit) gefolgt ist, wird von einer Menge dunkler, ihr erst im späteren Leben in ihrer vollen Be- deutung aufgehender Bilder umkreist. Vor einem fällt sie aus Schreck in Ohnmacht und wird vom Klausner am folgenden Morgen gefunden, aufgerichtet, erquickt und vor Dingen gewarnt, die dem Sterblichen zu furchtbar seien. Was sie gesehen, verrät sie, mit einer Ausnahme, nicht.
Alles das erinnert an Stellen in Schillers„Verschleiertem Bild von Sais“. Der jüngling, „den des Wissens heißer Drang.... trieb, der Priester geheime Weisheit zu erlernen“, wird am Morgen von den Priestern„besinnungslos und bleich am Fußgestell der Isis ausgestreckt“ ge- funden.„Auf ewig war seines Lebens Heiterkeit dahin, ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe“. Er warnt:„Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!“ Die Frömmigkeit des Priesters (der Einsiedler verlangt bloß Herzensreinheit) besitzt der jüngling nicht. Unbändiger Wissensdrang läßt ihn gegenüber einem diesen lahmlegenden Gebote schuldig werden.
Ein Seitenstück zu ihm, der„ja nach Wahrheit allein“ strebt, alles davon haben will und „schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt“ hat, den die Forschbegierde immer weiter reißt, so daß kaum der Hierophant den ungeduldig Strebenden besänftigen kann, bietet nicht Claudia, sondern Athyrtis im 1. Bande von B. Nauberts„Alme oder ägyptische Märchen“. Athyrtis, die Geweihte der Götter, Tochter des Königs Sesorchis, wächst unter Leitung des Oberpriesters Tnephachtus im lsistempel zu einem Wunder von Weisheit und Tugend heran. Unschön, unvermählt, fast männlichen Wuchses und Mutes, von unersättlichem Wissensdrang beseelt, absolviert sie rasch alle gewöhnlichen Erkenntnisstufen und strebt ungestüm nach den übernatürlichen letzten Geheimnissen der Isis, die aber nur Männern und zwar nur denen zugänglich sind, die das Grab des großen Osymandias, eines Herrschers der Urzeit, gesehen haben. Das ist heiliger, selbst dem Könige verbotener Grund, aber mit allerlei Sophismen weiß sie den Vater zum gemeinsamen Besuche
1 Geschichte Emmas etc. Bd. II, p. 99, 100. ² Ebda. I, 320; II, 101. ³ I, 321. ⁴ II, 100, 101.* II, 109. ² II, 100. Vgl. hierzu die Worte des Astrologen Pater Marianus in„Gebhard, Truchseß von Waldburg“ I, 23: „Diese unsere unbekannten Gefährten(die Geister) sind unsere Knechte, wenn wir sie zu binden wissen; aber sie ge- horchen nur den Reinen, denn sie selbst sind rein und heilig; dem, den diese genauen Bemerker menschlicher Hand- lungen unsträflich finden, öffnen sie das Buch heimlicher Weisheit. Unsträflichkeit ist das einige Band, das sie an uns fesselt.“ 7 1, 322.


