Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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mochte ſelbſt fühlen, daß er ſeine Unterſuchung ſchwerlich dahin führen werde, wohin er gelangen wollte. Wenn er alſo ſeine homeriſchen Unterſuchungen aller Mahnungen ungeachtet nicht wieder aufnahm, ſ geſchah es, wie Arnoldt treffend ſagt, hauptſächlichaus jenem beſcheidenen Stolze, der nicht wollte, wie er konnte, weil er nicht konnte, wie er wollte. Zudem ziehen, wie wir ſehen, neue Arbeiten, vor allem die Beſchäftigung mit Tacitus,ſeinem Abgott, ſeinen allzeit regſamen Geiſt an und laſſen ſein Intereſſe für Homer allmaͤhlich erkalten.

Iſt es ſchon anziehend, Wolf über alle dieſe Punkte ſelbſt in ungezwungener, lebensfriſcher Dar⸗ ſtellung ſprechen zu hören, ſo regen die Mitteilungen zu weiteren Betrachtungen an über den Einfluß, den ſein Buch auf ſeine Zeitgenoſſen übte.

Aufs neue laſſen ſie uns erkennen, wie überraſchend Wolfs Unterſuchungen für den bei weitem größten Teil der damaligen Philologen waren; nicht bloß als Kunſtwerk hiſtoriſcher Kritik erregten die Prolegomena gewaltiges Aufſehen, ſondern auch wegen der Neuheit der in ihnen vorgetragenen Hypo⸗ theſen, obſchon doch jede der Entdeckungen vor dem Entdecker ſchon einmal gemacht war. Unſere Mitteilungen laſſen den Blick auch über den engeren Kreis der Fachgenoſſen hinaus weiter ſchweifen, ſie beſtätigen, daßWolfs kühnes und tüchtiges Buch, um mit Goethe zu reden,die ganze gebildete Welt im Tiefſten aufregte. Eine geiſtvolle ÄAußerung des Altmeiſters ſelbſt, eine Reihe von nicht minder anziehenden Geſprächen Wielands, beides bisher nicht bekannt gegeben, legen Zeugnis davon ab, wie ſehr ſich beſonders jene Männer von Wolfs Rieſenthat angeregt fühlten und mit welch regem Intereſſe ſie ſich in ſeine Ideen verſenkten und fruchtbare Anregung in ihnen fanden. Die Außerungen Wielands dürften um ſo mehr Beachtung verdienen, als man bisher nur von einer gewiſſen Schadenſreude ſprechen konnte, mit der Wieland die Prolegomena als Vorboten einer Kritik begrüßte, deren Spitze gegen die bibliſchen Bücher ſich richten würde. Sie ſind weiter darum merkwürdig, weil ſie, wie es ſcheint, Wolfs Anſichten über die Entſtehung der Homeriſchen Gedichte nicht unweſentlich beeinflußt haben. Welchen An⸗ teil nimmt anderſeits der Philologe an den Schöpfungen der Dichter, mit welcher nie ermüdenden Teil⸗ nahme fordert und empfängt er Bericht von ihrem Wirken und Schaffen! Kurz, auch hier erhalten wir den Beweis dafür, daß zwiſchen der Altertumswiſſenſchaft, die Wolf in neue Bahnen lenkte, und unſerer Dichtung, die gleichzeitig eine ähnliche Verjüngung erfuhr, jene Wechſelwirkung beſtand, die für beide Teile gleich belebend und befruchtend wirkte. So ſind denn die veröffentlichten Dokumente ein beſchei⸗ dener Beitrag zur Kenntnis jener Zeit, zumal ſie auch ſonſt aus dem litterariſchen Leben mannig⸗ faltige Einzelheiten enthalten, die manches weniger Bekannte teils berichtigen teils beſtätigen und zur Ergänzung und Belebung von anderm beitragen.

Was endlich das Wichtigſte angeht, das Bild des großen Mannes, wie es die ungeſchminkte Sprache der Briefe zeigt, ſo ſei es mir vergönnt in etwas ausführlicheren Worten einen Gegenſtand zu berühren, der in den Erläuterungen der Briefe unmöglich gebührend gewürdigt werden konnte, Wolfs Auftreten gegen Herder, über das uns völlig neues und meines Erachtens höchſt ſchätzbares Material vorliegt.

In dem Septemberhefte der Horen von 1795 erſchien unter dem Titel:Homer, ein Günſtling der Zeit,sein(vorläufig anonymer) Aufſatz Herders, der ſich mit der Frage nach der Entſtehung der Homeriſchen Gedichte und ihrem künſtleriſchen Charakter beſchäftigt. Wie Suphansé ſcharfſinnige Kombinationen wahrſcheinlich machen, wurde derſelbe im Mai 1795 aus einem alten Aufſatze? umgearbeitet. Ohne den Anſpruch auf eine methodiſch geführte wiſſenſchaftliche Unterſuchung zu erheben, entwickelt Herder in demſelben in großen Zügen ſeine ſchon in früheren Schriften angedeuteten, haupſächlich durch die Lektüre von Blackwells und Woods Arkeiten angeregten Ideen. Neu war die Bemerkung über die Verſchieden⸗ heit der Verfaſſer von Ilias und Odyſſee, ſeinJugendtraun. den er in Villoiſons Ilias beſtätigt gefunden, neu die Darſtellung der Thätigkeit der T Diaſkeuaſten. Seine Anſichten über die allmähliche Entſtehung der Homeriſchen Gedichte aus der epiſchen Sage durch die in einer Schule ſich mehr und

Anderes konnte R. Volkmann(a. a. O. S. 74) freilich nicht aus dem von Körte abgedruckten erſten Geſpräche ſchließen. Eingehende Beurteilungen des Aufſatzes geben M. Bernays, Goethes Briefe an Fr. Aug. Wolf, S. 14. f., R. Volk mann, Geſchichte und Kritik der Wolfſchen Prolegomena zu Homer, S. 79, R. Haym, Herder, II, S. 596 ff. * Im ſeiner Herderausgabe XVIII, S. 595. 15. N 1785 nennt Herder ſeinen Homer⸗Aufſatz, der in den Horen erſchien, in einem Briefe an Heyne vom Mai 1795