Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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ſoweit Wolf ſich erinnerte. Daher rührt ſein Hohn über Italien alsdas Muſeum der Entdeckungen, über denJugendtraum von Oſt⸗- und Weſthomer. Wie hätte ein Herder, ſo ſagte er ſich, ſolche Ideen ſo lange in ſich verſchloſſen, der von ſeinen erſten Jugendſchriften an ſtets den Lehrer anderer geſpielt!

Seine Worte fallen um ſo ſchonungsloſer, da er in Herders Aufſatz den Verſuch erblickte, die mühevolle Arbeit der Prolegomena in den Augen des leichtgläubigen Publikums herunterzuſetzen und dieſen Verſuch als einen von langer Hand geplanten hinterliſtigen Angriff anſehen mußte. Denn Herder i*ſt ſeit längerer Zeit ſchon ſein Gegner; in dieſe Anſicht hat er ſich völlig verrannt; wittert er doch ſogar in dem harmloſen GedichteVerſchloſſenheit der überſetzung einer Ode Jakob Baldes eineMine gegen ſich. Verletzte Eitelkeit trieb nach Wolfs Meinung Herder zu ſeinem kühlen, ab⸗ lehnenden Benehmen. Den letzten Band ſeinerzerſtreuten Blätter hatte Herder ihm zugeſandt, Wolf hatte dafür zu danken vergeſſen, und daher rührte nach Wolfs feſter Überzeugung der Groll, den ſeine Stellung zu Heyne, dem Freunde Herders, noch vermehrte. Herders verletzende Kälte machte ſich bei der letzten Zuſammenkunft(in Weimar im Mai 1795) noch mehr fühlbar. Offenbar vermied dort Herder abſichtlich ein Zuſammentreffen mit Wolf; eine Einladung zu Böttiger ſchlug er aus, ebenſo kam er nicht zu Goethe, zu dem erauf Wolf am 28. Mai gebeten war. Böttiger und mit ihm Wolf ſuchen einen beſtimmten Grund hinter dieſem auffallenden Benehmen. Herders nachträgliche Entſchuldigung macht auf Böttiger einen eigentümlichen Eindruck:Herder hat ſich ſeitdem noch einigemal ſehr angelegent⸗ lich entſchuldigt, daß er die Gelegenheit, Sie öfter zu ſehn, ſo ſehr verfehlt habe. Grade dieſe Aengſt⸗ lichkeit beſtärkt meinen Verdacht. Er war auf Sie mit zu Göthe gebeten, und kam nicht. Er ſei, ſagte er mir, in dieſen Tagen unbeſchreiblich hypochondriſch geweßen, und für alle Mittheilung ſtumpf. So ſchreibt Böttiger am 11. Juni 95 an Wolf. Worin dieſer Verdacht beſtand, iſt klar genug; Böttiger wie Wolf wußten, daß Herder ſich mit einem Aufſatze über Oſſian beſchäftigte, nichts lag näher, als daß ſie auch über Homer eine neue Arbeit von ihm erwarteten. Ein Ausſprechen mit ihm über Homer, ſo glaubte Wolf, wollte Herder vermeiden, der alle Urſache hatte, ſeinen Angriff im Geheimen vorzubereiten. Dieſer von Wolf gehegte, von Böttiger genährte Verdacht, daß Herder etwas gegen ihn im Schilde führe, mußte bewirken, daß Wolf einer Außerung Herders zur homeriſchen Frage mit Mißtrauen ent⸗ gegenſah. In dieſer Stimmung las er den Aufſatz in den Horen. Seine Arbeit, auf die er Jahre emſiger Forſchung verwendet, ſieht er auf die Seite gedrückt; die erſte Nachricht, die von derſelben in das große Publikum dringen ſollte, war die Anmerkung, deren vornehm wohlwollender Ton ihn auf das tiefſte verletzen mußte. So war in Wolf hinreichender Brennſtoff aufgehäuft; auch der zündende Funke ſollte nicht fehlen. Hämiſch ſchreibt ihm Böttiger am 8. Oktober 1795:Von Ihren Prolegomenen weht

ja noch nirgends ein Lüftchen!... Doch ja! Sie ſind ja ſchon.... von Herdern in einer Note über ſeinen Homer, Liebling der Zeit in den Horen citirt? Was ſagen Sie zu dieſer Note in dieſem Aufſatz?.... Ich begreiſe nun, warum Herder nicht mit Ihnen bei mir eine Suppe eſſen

wollte. Er durfte Sie nicht ſprechen, um ſeine Zirkel von den Ihrigen nicht confundiren zu laſſen. Wer hätte ſonſt gewußt, welcher Kreiß der früher gezogene ſey. Die Wirkung dieſer Worte auf Wolf klingt nach in ſeinem Briefe vom 16. Oktober 1795; ſie verſetzten ihn vollends in die Stimmung, jene Entgegnung niederzuſchreiben, deren er ſich am 30. Okt. 95 bereits mit einigem Unbehagen erinnert.

Während Wolf den maßloſen Angriff auf Herder mit leidenſchaftlicher Hitze niederſchrieb, in dem Bewußtſein eine abſichtliche Kränkung erfahren zu haben, iſt ſein Kampf gegen Heyne mit völliger Ruhe und klarer Berechnung aller Folgen geführt. Dort verführen ihn die jeden Haltes entbehrenden Verdächtigungen und Hetzereien Böttigers zu einem übereilten Schritte, hier kämpft er gegen einen Mann, der, wie er ſich ſagte, ſtets darauf ausgegangen war, ihm Schwierigkeiten in hinterliſtiger Weiſe zu be⸗ reiten. Die Annahme Wolfs, daß Heyne ſich die Ergebniſſe ſeiner Forſchungen habe aneignen wollen, erſcheint vollkommen berechtigt; der Schlag, welcher Heyne traf, war zwar hart, aber nicht unverdient. Doch Heynes Doppelzüngigkeiten in ſeinem Verkehr mit Wolf ſind zu bekannt, als daß in unſerem Ma⸗ terial darüber noch neue Aufſchlüſſe geſucht werden müßten.

Eine vollkommene Charakteriſtik des Philologen Fr. A. Wolf zu geben, dazu reicht allerdings das veröffentlichte Material nicht aus. Viel vollſtändiger und lebendiger wird das Bild ſeiner Perſönlichkeit in allen Lebenslagen uns entgegentreten in dem ganzen Briefwechſel, den wir demnächſt dem Leſer vorzulegen hoffen.