Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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mehr vervollkommnende Kunſtdichtung führt er als Einſichten aus, die bei fortſchreitendem Studium ihm nach und nach aufgegangen..

Während Herder nun in dieſer Schrift die Ausgabe von Villoiſons Ilias als einegroße Er⸗ ſcheinung rühmt, gedenkt er der Thätigkeit Wolfs nur nebenher in einer Anmerkung mit den Worten: Wer die Urſachen hiervon,(von der willkürlichen Behandlung des Homeriſchen Tertes im Altertume) ſammt einer ideenreichen und bündigen Geſchichte der Behandlung Homers leſen will, leſe Wolfs Ein⸗ leitung zu ſeiner Ausgabe Homers. Er wird vortreffliche Winke, die der weiteren Unterſuchung vorzüg⸗ lich werth ſind, darin finden.

Gegen dieſe Abhandlung wendet ſich Wolf mit einem ſcharfen Angriffe in dem Intelligenzblatte der Allgemeinen Litteraturzeitung vom 20. Oktober 1795. Mit bitterem Hohne kennzeichnet er den Auf⸗ ſatz Herders als einGemiſch von gemeinen und halbverſtandenen Gedanken, wie ſie nur Jemand faſſen kann, dem die Geiſtesſtimmung, womit eine ſo äußerſt verwickelte Aufgabe der hiſtoriſchen Kritik zu behandeln iſt, und die hiezu nothwendigen Kenntniſſe ſo gut als völlig fremd ſind. Deutlich läßt er den Verdacht durchblicken, daß Herder es verſtanden, die Ergebniſſe ſeiner Forſchung ſich anzueignen.

In Jena und Weimar beſonders erregte dieſe derbe Abfertigung ſeines Gegners gerechten Un⸗ willen, während andere, wie Voß, der ſich Heyne gegenüber in ähnlicher Lage befand, ihm mit lebhafter Freude zuſtimmen. Auch Böttiger iſt, wie er am 5. Nov. 1795 ſchreibt,in mehr als einer Beziehung von ſeinem Vorgehen überraſcht. Aber er ſowohl wie Wieland mißbilligen den Schritt mehr aus dem Grunde, weil Herder gerade damals körperlich ſehr zu leiden hatte. Wolf ſelbſt geſtand ſpäter ein, daß es ſeiner würdiger geweſen wäre, Herders Aufſatz unerwidert zu laſſen. Schon am 30. Oktober 1795 iſt er bedenklich darüber, was wohl Goethe dazu ſage, daß er inVoß' Fußtapfen zu treten an⸗ fange. Gewiß iſt ſein Vorgehen gegen Herder nicht völlig zu rechtfertigen, doch läßt ſein Briefwechſel mit Böttiger die Schuld Wolfs in viel milderem Lichte erſcheinen.

Daß Herder bei ſeiner Schrift wieder einmaleiner jener Selbſttäuſchungen unterlegen war, zu denen ſeine Phantaſie, verbunden mit ſeiner Anregſamkeit und ſeiner Eigenliebe, ihn ſo leicht verführte, daß er ſich Wolf vordrängt und nun Eigenes und Fremdes, Altes und erſt eben Gelerntes mit der Einbildung, mit dem halbunbewußten Anſpruch vorträgt, daß in dieſer Sache ihm vor Allen zu reden zukomme, zu dieſem Ergebnis gelangt die wohl erwogene Erörterung R. Hayms(a. a. O. II, S. 600 f). Voß meint nichts anderes, wenn er in ſeiner derben Weiſe von demmauſenden Herder² zu Wolf ſpricht, auch W. v. Humdoldts klarer Blick erkannte in dem Herderſchen Aufſatz deutlich die ſtarke Benutzung Wolfs¹o und dieſelbe Anſicht führt Böttiger als die ſeinige und die Wielands an:So⸗ weit ich unſern Herder kenne, glaubt er nun wirklich alles dieß ſchon im erſten Frühlingstraum ſeines Lebens ſo empfunden zu haben, würde aber ohne gewiſſe Prolegomenen ſich dieſer Träume zuverläſſig nicht wieder ſo ausführlich bewußt geworden ſein. O, es iſt eine herrliche Sache um die Platoniſche daεos!(an Wolf am 22. Okt. 95)Wieland iſt ganz auf Ihrer Seite... Auch er iſt der Meinung, daß hier eine Art von Selbſttäuſchung vorwalte, daß Herder ſich nicht eingebildet habe, etwas von Ihnen zu borgen, daß dieß aber beym ganzen Aufſatz dennoch gewiß der Fall ſei.(5. Nov. 95.)

Wolf aber, deſſen klarer und beſtimmter Geiſt von einer Selbſttäuſchung dieſer Art keine Vor⸗ ſtellung ſich machen konnte, ſah in dem Herderſchen Aufſatz ein abſichtliches Verwirren und Verhunzen ſeiner Unterſuchungen, eine ſchamloſe Aneignung ſeiner Gedanken und ſoweit er Herders Anſichten und Herders Art kennen gelernt hatte, konnte er nichts anderes darin erblicken.

Herders Schriften hatte er geleſen, von ſeinen Unterredungen über Homer hatte er teils aus Voß' und Böttigers Berichten, teils aus eigener Erfahrung Kenntnis: in allen jenen Außerungen ſah er nur ganz unbeſtimmte Vermutungen, die. jedes hiſtoriſchen Haltes und jeder methodiſchen Begründung entbehrten. Hätte Herder nur dieſe von neuem vorgetragen, ſo hätte Wolf ihm nichts in den Weg gelegt; das aber empörte und reizte ihn, daß Herder die Chorizonten und die Wirkſamkeit der Dia⸗ ſkeuaſten erwähnt; es mußte ihm das als ein Plagiat erſcheinen, da Herder nie vorher davon geſprochen hatte

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Körte, Leben Wolfs I, S. 292 ff.

* Allerdings erſt am 14. Okt. 1799(Briefe II, S. 248), doch bewegt ſich der Brief vom 17. Nov. 1795 (Briefe II, S. 229), der unter anderem Wolfs Artikel ein Eſelopfer nennt, in noch ſtärkeren Ausdrücken.

¹⁰ Brief an Schiller, 30. Okt. 1795(Werke V, S. 191).