Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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45 Nachwort.

. Wer in den vorſtehenden Mitteilungen neue und wichtige Außerungen Wolfs zur Homeriſchen Frage oder auch nur weſentliche Ergänzungen ſeiner aus andern Schriften bekannten Anſichten ſuchen wollte, der würde enttäuſcht die Briefe aus der Hand legen. Allerdings wird Wolf durch die Fragen und Auslaſſungen Böttigers angeregt, Erklärungen mancher Stellen ſeiner Prolegomena zu geben und die oft abſichtlich von ihm verſteckten oder verſchleierten Ergebniſſe ſeiner Unterſuchungen hervorzu⸗ heben: aber alle dieſe Erläuterungen und Zuſätze zu ſeinem Buche ſind im großen und ganzen dieſelben, die er gerade in jenen Jahren an einer andern Stelle zu geben für nötig fand, in denBriefen an Herrn Hofrath Heyne. Wie dieſe, ſo enthalten auch unſere Briefeeine ganze Reihe lichtvoller Scholien zu den Prolegomenen und einzelne authentiſche Interpretationen des vielleicht dunklen Textes, völlig neue Aufſchlüſſe neben den bereits aus jenem Buche bekannten finden wir jedoch nicht in ihnen.

Wolf legt ferner ſeinem Freunde Böttiger mit beſtimmten und knappen Worten dar, wie er ſich die Entſtehung der Homeriſchen Epen denkt, und die hier von ihm ſelbſt ausgeſprochene Anſicht deckt ſich nicht ganz mit derjenigen, auf welche nach Friedländers uud anderer Urteil Wolfs Argumente in den Prolegomenen führen. Nach ſeinen Briefen nimmt nämlich Wolf für die urſprüngliche Ilias und Odyſſee je einen Verfaſſer an, leugnet aber, daß derſelbe von Anfang an den Plan zu einem großen einheitlichen Gedichte habe faſſen können; nur einzelne zuſammenhangloſe Lieder habe er geſungen, die leicht zu einem Ganzen gefügt werden konnten, da ſie auf dem Boden einer einheitlichen Sage er⸗ wuchſen. Demnach könnten unſere Briefe den Zweifel wecken, ob man mit vollem Rechte von zwei verſchiedenen Hypotheſen Wolfs ſprechen kann, zwiſchen denen er beſtändig geſchwankt habe. Denn ſowohl die von Friedländer als erſte bezeichnete Hypotheſe(der ſpäteren Schriften Wolfs) von einer allmählich erweiterten einheitlichen Ur-Ilias und Ur⸗Odyſſee, als auch die ſogenannte zweite(die der Pro⸗ legomena), nach welcher die Epen aus verſchiedenen ohne Bezug auf einander gedichteten balladenartigen Liedern entſtanden ſein ſollen, ſcheint in derjenigen enthalten zu ſein, die wir in unſern Blättern von ihm vorgetragen ſehen. Doch geht Wolf nie über allgemeine Andeutungen hinaus, wenn er Böttiger gegenüber die Begründung dieſer ſeiner Uberzeugung erwähnt, die er in dem zweiten Teile, demgrößeren Buche zu geben gedachte. Elf Bücher und 68 größere Zwiſchenſtücke der Homeriſchen Epen, wie wir ſie haben, wollte er aus innern Gründen als ſpätere Einſchiebungen nachweiſen; eine Unterſuchung über die Oſſianſchen Geſänge, als deren Diaſkeuaſt ihm Macpherſon gilt, überhaupt über alle größern Epen, die in ähnlicher Weiſe entſtanden ſeien wie die Homeriſchen Gedichte, ſollten in einer längeren Epiſode dieſes Werkes vorgenommen werden. So zuverſichtlich aber alle dieſe Andeutungen klingen, ſo zeigen doch ſeine eigenen Worte, daß Wolf nicht im Klaren darüber war, welche Schritte er über den hiſtoriſchen Beweis hinaus unternehmen wollte; man beachte nur ſeine unmutige Außerung, daß ihn jeder neue Band engliſcher Schriften über Oſſian noch mehr verwirre, und vor allem jenen Umſtand, daß er nie ſich beſtimmt über die Beweiſe ausſpricht, die noch kommen ſollten. Ja ſelbſt darüber ſteigen ihm Bedenken auf, ob der in den Prolegomenen eingeſchlagene Weg zu einer ſchleunigen Über⸗ zeugung der rechte ſei; ſchon am 22. Juni 1795, alſo unmittelbar nach dem Erſcheinen ſeines Werkes, äußert er den nämlichen Gedanken, den ihm W. von Humboldt am 20. September desſelben Jahres ſchreibt:Uebrigens, glaube ich, ſind die Gründe, die Ihre Prolegomena angeben, alle noch ſo, daß ſie nach individuellen Verſchiedenheiten mehr oder mindern Eindruck machen. Der Cardo rei liegt meines Erachtens allein darin, daß in der Ilias wirkliche Verſchiedenheiten des Stils, der Sprache u. ſ. f. ſein ſollen. Bei dieſen, glaube ich, hätten Sie anfangen ſollen. Bald ſcheinen die Prolegomena für Wolf ſelbſt weniger des Inhalts wegen wie als Muſter hiſtoriſcher Kritik von Wert zu ſein; er

1 R. Volkmanns Urteil über die Briefe an Heyne, a. a. O. S. 94.

² L. Friedländer, die Homeriſche Kritik von Wolf bis Grote, Berlin 1853. S. 11 ff. Auf dieſe Aus⸗ führungen darf ich wohl verweiſen, da ich eine ausführlichere Beſprechung dieſes intereſſanten Punktes mir ver⸗ ſagen muß. 8 1

³ Vergl. Varnhagen v. Enſe, Denkwürdigkeiten und vermiſchte Schriften, IV, S. 311.