Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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freuet, daß V. ſo viele und ſo ſchwere Foderungen erfüllt habe; aber am Ende kommen auch einige bittere Klagen, beſonders über die Mishandlung, die V. an der deutſchen Sprache, um ſie ganz nach der Homeriſchen umzugieſen, verübte. W. ſtimmt in ſeiner Antwort völlig ein, bedauert aber gleichfalls, daß V. nicht überlegt habe: daß Homer für Hörer geſungen habe, er aber für Leſer ſchreiben müſſe. Vorſchlag durch den Kapellmeiſter Schulz einige einfache Sangweiſen für den deutſchen Hexameter komponiren zu laſſen, u. dann deutſche Rhapſoden auszuſenden, die Voßens ſingbare Hexameter in corona abſängen) mehrere Geſänge der Jlias bloß aus dem Geſichtspunkte geleſen, daß ich mir den Sänger als einen begeiſterten Improviſator's dachte. Ich habe mehrere Italieniſche Improviſatoren gehört, und bemerkt, daß ſie gewiſſe points d'appui haben,*** auf welche ſie, um neue Kräfte zu ſammeln, und zu einem neuen Gemälde die Anlage zu disponiren, immer zurückkommen. Dieß ſind gewiſſe Uebergangsverſe und wahre arnerruara, Füllſteine. 1Denke ich mir nun den auf eine ganz andere prächtigere Weiſe von der Muſolepſie ergriffenen Jonier, den Sänger am Volksfeſte von tauſend horchenden Griechen umringt und durch die Blicke der Menge begeiſtert, ſo begreife ich, daß indem ſein Geiſt jetzt ein Heldenlied aus dem Trojaniſchen Sagencyeclus ausgebiehrt und zur Lyra extemporiſirt, er a) theils gewiſſe Füllwörter und Ausruhepauſen haben mußte, um den Vers zu vollenden, und unterdeſſen voraus das ſich andrängende ſchöne Bild zu zeichnen und zu ordnen b) theils um die Verkettung der einzelnen Glieder, u. die Bindepartikeln gar nicht bekümmert ſeyn durfte, weil dieſe kleinlichen Rückſichten alles Feuer ſogleich gelöſcht hätten. Hieraus erkläre ich mir nun ſehr lebhaft, a) die ſogenannten immer wiederkehrenden epitheta ornantia, zaoνmνσνηναννes, 7κονυννινμινες, u2GNSvO& u. ſ. w., die offenbar bei dieſer öfteren Wiederkehr ſelbſt für die damaligen Zuhörer müſſig wurden, aber dem improviſirenden Dichter zur augenblicklichen Ausfüllung des fortſtrömenden Versfluſſes durch⸗ aus unentbehrlich waren. b) die häufigen Wiederholungen ganzer Verſe, Botſchaften u. ſ. w. Auch ſie ſind Hülfen des Improviſators,(freilich dem Faſſungs⸗ und Ideenkreiſe der Herolde und Bothen, die alles wörtlich aufmerken mußten, da noch niemand an Schrift dachte, alſo eben dadurch, daß ſie Wort für Wort wiedergeben, ihr Amt gebührend verrichteten, ſehr angemeſſen) c. die ganze doctrina par- ticularum eines Clarke oder Hogreven iſt Spitzfindelei. Die vielen de rs und ze u. ſ. w. waren Fülltöne, die dem Improviſator in ſeiner glücklichen Sprache zu Gebote ſtunden, und in die erſt die ſpätere Grammatik einen beſtimmten Sinn gelegt hat. Dadurch nun, daß Voßſ†† auch dieſe Improviſatorſpuren, die die ſpätere Politur der Homeriſchen Lieder doch nicht alle weggewiſcht hat, ohn⸗ erachtet ſie viel, viel ausgebeſſert und geglättet haben mag, unſerer deutſchen Schrift- und Leſeſprache mit aller Gewalt aufdrücken wollte, iſt er undeutſch geworden, und Klopſtock ſelbſt, mit Herdern der

* Joh. Abraham Pet. Schulz,(1740 1800), der Freund Voß', hatte damals nach einer ſchweren Krankheit ſeine Kapellmeiſterſtelle in Kopenhagen niedergelegt und lebte einige Zeit bei Voß in Eutin.(Vergl. Voß, Briefe III, S. 91 f.) DerVorſchlag, von dem Böttiger ſpricht, ſteht übrigens nicht in denBriefen über die Voſſiſche Homerüberſetzung. ** Wolf ſetzt dazu ein Fragezeichen. rr Wolf:Euge! belle! Zu der Stelle 12 am Rande von Wolfs Hand: Iſt meiſt alles immer auch meine Ueberzeugung geweſen. Wolf ſetzt zu zsj am Rande ein Fragezeichen und fährt fort: und was de⸗-re-de re betrifft, hat doch alles ſchon im Homer, wie er izt iſt, ſeinen feſten usus. rrum recht treu zu ſeyn, bis zum Erſchrecken. Wolf.