Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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Aber wenn der ehrliche Villoiſon noch lebt,* welche Belohnung muß ihm der herrliche Gebrauch ſeyn, den W. von ſeinem bis jetzt ſo undankbar beurtheilten Fund gemacht hat. Oft ver⸗ klommen ihm die Finger für Froſt beim Abſchreiben in den kalten Sälen. Hier iſt der ſüßeſte Preis für ſeine unerſchütterliche Beharrlichkeit.

Die ganze Sache giebt mir einen neuen Beweis von dem, wovon ich ſchon ſeit langer Zeit eine lebhafte Intuition habe, von der levitas Graeculorum, die alles für bekannt vorausſetzen, u. mit einer unbeſchreiblichen Selbſtgenügſamkeit aburtheilen.* So war es nur möglich, daß man über den Homer nie klar ſehen konnte.

Das paſſendſte Gegenſtück zu der Erklärung, wie W. ſie von der Entſtehung der Ilias u. Odyſſee giebt, ſind Oſſians Heldenlieder. Auch ſie haben in Macpherſon einen Solon oder die Piſiſtratiden gefunden. Denn daß ſie Macpherſon ſelbſt erdichtet haben ſollte, hat mir ſtets ebenſo ungereimt geſchienen, als die gegenſeitige Behauptung, daß ein alter Caledoniſcher Barde ein ſolches Stück, wie unſer Fingal iſt, mit ſolcher Regelmäſigkeit und Ründung komponirt haben könne.*e

Es ſei äuſerſt merkwürdig, daß Rouſſeau bloß durch einen richtigen Tact die Witterung gehabt habe, die nun Critik und Geſchichte auch dem mit Buchſtabenweisheit angefüllten Wiſſer glaub⸗ lich machen werden.

Den 13ten May.

Ich habe ſeit einigen Tagen zum Behufe meiner kritiſchen Briefe über Voßens Homerf(Wie⸗ land wird eine weitläufige Critik über dieß Meiſterſtück in ſeinen Merkurff einrücken. Die Einkleidung iſt in einen Briefwechſel gefaßt. Ein von allem commercio litterario abgeſonderter Gelehrter auf dem Lande hat endlich aus einem Bücherverzeichniß entnommen, daß Voßens Ueberſetzung erſchienen ſei, und ſchreibt an Wieland: ob er ihm als einem alten*οogneos nicht die Ueberſetzung borgen könne. W. ant⸗ wortet, und bittet bei der Ueberſendung des verlangten Werkes zugleich ſeinen ländlichen Freund um ſein kritiſches Urtheil, da von unſerm gewöhnlichen kritiſchen Tribunale ſolche Werke gewöhnlich gar nicht angezeigt würden. Hier ſetzt es einige beiſende Ausfälle auf unſere Journale, u. kritiſche Lärm⸗ trommeln. Der ländliche Freund ſchreibt nun wieder, und entwirft ein Ideal, wie er ſich die deutſche Ueberſetzung des Homers denke. Nach dieſem habe er die Voßiſche verglichen, und ſich nicht wenig ge⸗ Wolfs Anſichten aufzutreten. Nach einem Briefe an Wolf vom 17. Nov. 1795 hat er den Plan aufgegeben, nicht weil er zu Wolfs Anſicht bekehrt ſei, ſondern aus Scheu, deſſenfurchtbare Bergfeſte mit Beweiſen zu bekämpfen.(Voß' Briefe II, S. 229.)

* Jean Baptiſte Gaspard d'Anſſe de Villoiſon, der Herausgeber des Homer mit den Scholien der Markusbibliothek, ſtarb erſt 1805 zu Paris. Während der Revolutionszeit lebte er in völliger Armut zurückgezogen in Orleans.(vergl.Der Biograph, X. Bd., S. 481). Nach Dacier(sur la vie et les ouvrages de Mr. de Villoi- son in den Mém. de l'Acad. roy. des inscriptions) war er nicht erbaut über den Gebrauch, den Wolf mit ſeinem Werke gemacht, und nannte deſſen Hypotheſe eine impieté litteraire.

*r* Wolf ſetztaGο an den Rand.

*rr Am Rande bemerkt Wolf:mir aus der Seele.

Am Rande von Wolfs Hand: Aber wenn etwas, das zum Eſſen beſtimmt iſt, in Trinkbares ver⸗ wandelt wird, ſo hat man nicht mehr dasſelbe, wenn ſich gleich der Magen zuweilen noch beſſer dabei befindet.

†r N. T. Merkur 1795, Bd. II, S. 105, Bd. III, S. 400. Die Vermutung von W. Herbſt(J. H. Voß, II, 1, S. 207), daß Wieland der Verfaſſer aller kritiſchen Briefe ſei, findet hier ihre Beſtätigung.