Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
Einzelbild herunterladen

37

Kreuzzug, oder die Colombiade, und machte zuerſt nur einen Geſang, ohne auf die Entwickelung und Beendigung in den folgenden Geſängen die mindeſte Rückſicht zu nehmen. Nun ging es mit eben dieſer Sorgloſigkeit wegen des Uebrigen zum zweiten, dann zum dritten u. ſo fort. Nun müßte ſichs wohl zeigen, ob auf dieſer ſimpeln Progreſſion eine Einheit zu einer Epopöe erzielt* werden könnte. Der genialiſche Dichter mit innerm Berufe kann nie um den Schluß und die Ründung eines aus mehreren Theilen beſtehenden Gedichts verlegen ſeyn. Das iſt eben die Probe, daß ihn die Natur zum Dichter geſtempelt, und ihm, ohne, daß er es ſelbſt weiß, die Prototypen eingedrückt hat, die ſich nun durch die Muſolepſie, wie der Eierſtock im uterus, befruchten.

Gewiſſermaßen ſei dies der Fall bei ſeinem neuen Amadis geweſen. Er habe beim Dichten des erſten Geſanges durchaus nichts gewußt, als daß er thörichte Hoffräulein und Hofjunker, wie er ſie damals in der Nachbarſchaft im Original gehabt hätte, toll in der Welt herumlaufen laſſen wolle, und daß die Fabel auf den lächerlichen Orakelſpruch gegründet ſeyn müſſe: ſo lange zu ſuchen, bis ein jedes fände, was es nicht hätte. Bei Vollendung des erſten Geſanges habe er durchaus noch nicht geahndet, wohin ihn der zweite und dritte führen würde.¹³

Eines der wichtigſten Argumente, das die pſychologiſche Ohnmöglichkeit der Homeriſchen Dichtung, wie wir ſie uns bis jetzt dachten, für ihn unwiderſprechlich beweißen müßte, würde der Umſtand ſeyn, daß ein Sänger eine ſolche Reihe von Geſängen in ſeinem Kopfe aufbewahrt u. andere bloß aus dem Gedächtniſſe gelehrt haben ſolle. Denn er kenne nicht 10 Verſe von allen ſeinen Gedichten auswendig, u. ſowie er ſie niederſchreibe, wären ſie aus ſeiner Seele verwiſcht. Allein er wiſſe wohl wie einſeitig und nichts be weiſend dieſe Erfahrung ſei. Göthe konnte und kann vielleicht noch ganze Gedichte ſeiner Schöpfung auswendig, u. arbeitete ſie gewöhnlich ganz im Kopfe aus, ehe er ſie ſeinem Schreiber dictirt. Als er in ſeinem 25ten Jahre, als Doctor Göthe, zuerſt zu uns kam, gab er von dieſer Kraft ſeines Gedächt⸗ niſſes erſtaunenswürdige Proben. Er recitirte damals ein langes aus mehreren Geſängen beſtehendes Gedicht in Knittelverſen, denen er durch ſeine Declamation alles widrige zu nehmen und Salz und Würze zu geben wußte, das nie geſchrieben oder gedruckt worden iſt: der ewige Jude benannt. Es war eine mit der unſchuldigſten Miene giftig perſiflirende Chriſteis, worinnen Jeſus und ſeine Jünger ge⸗ waltig mitgenommen wurden. Der Herzog, der ganz verliebt in dieß Bänkelſängerſtück war, ließ es Göthen oft und unter ganz verſchiedenen Umſtänden recitiren, und nie verfehlte der Dichter eine Sylbe. Daſſos Beiſpiel hat Wolf ſelbſt angeführt.

Wolf thut in ſeiner Argumentation jeden Schritt mit ſo überlegter Klugheit, aber auch ſo feſt vorwärts, daß man ihm trotz aller Conjecturalbehauptung! ſicher folgt, und ſeinen Glauben bei jedem Fortſchritt immer mehr Baſis gegeben fühlt. Er iſt für mich unwiderſtehlich. Ich ſehne mich nach den Augenblicken, wo ich ſo viel Zeit gewinnen kann, um nun den Homer zum erſtenmal mit dieſen hier gegebenen Geſichtspunkten unverwandt durchzuleſen. Bei wem nach einer ſolchen Probe die W. Behauptungen ihre Kraft behalten, der hat etwas mehr als Köhlerglauben.

Voß wird ſehr klug thun, wenn er nach einer ſolchen Probe alle Seegel ſtreicht, und ſich ohne Widerſtand von dieſem man of war buchſiren läßt. u*

* Hierzu am Rande NB. von der Hand Wolfs. ** J. H. Voß erzählt(Antiſymbolik Teil II, S. 231 ff.), ſeine Unterredung mit Wolf über Homer vom 8. Juni 1794. Er hatte damals vor, nach Erſcheinen der Prolegomena in einemHomeriſchen Briefwechſel gegen