Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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W. unbegränzte Mittheilungsfertigkeit u. Bereitwilligkeit ſteht mit ſeiner Beleſenheit und Wiſſen⸗ ſchaft im vollkommenſten Ebenmaaß.

Böttigers Geſpräche mit Wieland. den 26ten April.*

Die Wolfiſche Kritik, bemerkte Wieland zur Einleitung, muß uns armen Spätlingen in der epiſchen Dichtkunſt ſchon darum ſehr ſchmeicheln, weil doch nun der alte Sänger auf einmal ſeinen Heiligenglanz verliert und wird, wie unſer einer.! Ich geſtehe, daß mir immer geſchwindelt hat, wenn ich mir die algegenwärtige Faſſungs⸗ und Darſtellungsgabe? des göttlichen Homers dachte, und es iſt mir gar nicht einmal im Traume je die Idee gekommen, mich mit ihm irgend einmal vergleichen zu wollen. Dazu hatte ich nicht Selbſtverleugnung genug. Ich habe alſo ſchon etwas in mir, was mich für Wolfs Meinung unbemerkt beſtechen mußte, wenn ich nicht auf meiner Huth wäre.

Pſychologiſch kann ich mir's nun doch ganz gut denken, daß Homer progreſſiv und nach u. nach ſelbſt die zwei Epopöen nach dem vorhandenen Plane zuſammengeſetzt habe. So iſt mein Oberon entſtanden. Ich hatte die ihm zu Grunde liegende Fabel als factiſche Ueberlieferung im Kopf. Nun war es mir ein organiſcher Keim in meiner Seele, der nach u. nach immer mehr Sproßen und Blüthen aus ſich hervortrieb. Ich habe nie einen eigentlichen Plan dazu entworfen, wie ſich etwa manche Maler zu einem hiſtoriſchen Gemälde eine Skizze vorzeichnen. Ein dunkles Gefühl hat mich von einem zum andern geleitet und die genetiſche Dichterkunſt hat ſo lange fortgewirkt, bis alles in einander griff, u. zu einem ganzen verſchmolz. Warum ſollte es mit dem Homeriſchen Erzeugniß nicht ebenſo gegangen ſeyn?5

Als ich darauf beſtand, daß ſich ja doch jeder Schöpfer eines Kunſtwerkes nach der Empfäng⸗ lichkeit ſeines Zeitalters richten müſſe, und daß alſo Homer über die Menſur des ſeinigen, das durchaus eine ſo künſtliche und durchflochtene Compoſition nicht faßte, nicht hinausgehen konnte, erwiederte Wieland: Daß es doch erſtlich ſehr anmaßend ſchiene, einen Geniemeſſer, wie einen Nilmeſſer beſtimmen und die trefflich organiſirten Jonier: darein zwängen wollen. Dann habe es zu jedem Zeitalter privilegirte Köpfe gegeben, die mit ihren Genieproducten ihren Zeitgenoſſen voreilten, u. erſt von der folgenden Generations ganz gefaßt wurden. Zum Beiſpiel könnten Hallers frühere Gedichte dienen, die bei ihrer Erſcheinung den Gottſchediſchen Waſſerſchluckern unverſtändliche Dithyramben geſchienen hätten, 20 Jahre ſpäter aber jedem gebildeten Menſchen Lieblingslectüre geworden wären. So ſei er, W. ſelbſt mit ſeiner Königin von Scheſchian der Revolution 20 Jahre vorgeeilt, u. ſ. w.

Ich blieb hartnäckig dabei ſtehen, daß urſprünglich jede Rhapſodie, die aber wahrſcheinlich oft zwei oder mehrere unſer in Homer noch jetzt ſo genannten Rhapſodien enthalten habe, ein Ganzes, für ſich beſtehendes geweſen ſeyn müſſe, weil die 401504 nie kontinuirten, und immer etwas neues (recrarn-Zauusqrarn 4oun) anſtimmen mußten.** Wieland fühlte und verehrte die Stärke dieſes Arguments,

* Dieſes erſte Geſpräch iſt abgedruckt bei Körte, Leben Wolfs, II, S. 220 224. Wegen der Wolfſchen Randbemerkungen und des Zuſammenhanges halber durfte es hier nicht fehlen. Die Abweichungen der Handſchrift von dem Drucke ſind bis auf eine bezeichnete Stelle unweſentlich und wurden deshalb nicht weiter hervorgehoben. Die Ziffern im Texte beziehen ſich auf die am Schluſſe(S. 42 44) angefügten Bemerkungen Wolfs.

** Hier ſetzt Wolf ein Fragezeichen und citiert Proleg. cap. 28 extr.