34
milch der Schultradition ſchon von zarter Jugend an verdorben wäre. Hätte er ſich davon im voraus überzeugen können, ſo wären vieleicht ſelbſt einige wegwerfende Seitenblicke und Härten, die hier u. da eine Milderung vertragen hätten, weggefallen.
Nach H. Ueberzeugung iſt Wolf in dem Theil, wo er von den ſpäter anzuſetzenden originibus scribendi ſpricht, zu ängſtlich und bekümmert. Auch ohne dieſe Beweisführung muß es doch einleuchten, daß im Homeriſchen Zeitalter zwei ſolche Gedichte durchaus nicht gedichtet werden konnten. Ge⸗ ſchrieben noch weniger.
Göthes Blicke über die Sache.*[29. Mai 1795.]
Die zwei ſcheinbarſten Widerſprüche ließen ſich a) aus dem Glauben ableiten, daß Homer ſich der Errungenſchaft u. des Eigenthums vieler Sänger vor ihm bemächtigt, u. ſo auf dieſer Baſis ſolche Epopöen erbaut hätte, wie wir ſie noch haben. Dann fiele die pſychologiſche Unmöglichkeit doch ganz weg. Aus ſovielen u. ſo oft ſchon bearbeiteten Süjets ließe ſich ja wohl noch eine Ilias u. Odyſſee von einem Homer zuſammen ſetzen. b) aus der Tradition, daß die ſchon geordneten u. von Homer in wahren Zuſammenhang geſtellten Rhapſodien durch die Ungeſchicklichkeit der ſpätern Rhapſoden ausein⸗ andergeriſſen und erſt von Solon wieder zuſammengefügt worden wären. Viel von W. Behauptung würde auch bei dieſer Hypotheſe ſehr wohl beſtehen können.
Den meiſten Beifall hat ſich Wolf von den neueren Theologen zu verſprechen, die kein geringes Triumphlied darüber anſtimmen werden, daß nun auch dieſer heidniſche Moſes entthront iſt.
Ich als Dichter habe ein ganz anderes Intereſſe, als das der Kritiker hat. Mein Beruf iſt zuſammenfügen, verbinden, ungleichartige Theile in ein Ganzes zu vereinigen. Des Kritikers Beruf iſt aufzulöſen, trennen, das gleichartigſte Ganze in Theile zu zerlegen. Als Dichter habe ich alſo eine un⸗ überſteigliche Scheidewand zwiſchen mir und dem heilloſen Beginnen des Kritikers gezogen. Aber ich kann nun doch des Kritikers in hundert Fällen nicht entbehren. Ich leſe meinen Homer mit Bewun⸗ derung, ſtoße aber auf einmal auf Scenen und einzelne Stellen, die allen Eindruck ſtören, u. mich aufs unangenehmſte ſituiren. Hier weiß ichs dem Kritikus unendlichen Dank, wenn er mir ſagt: ja grade dieſe Stelle iſt unächt.
Wolf würde, wenn er nicht öffentlicher Lehrer wäre, dieſe Ideen ſchwerlich ſo fein ausgeſonnen haben. Der Drang u. die Begeiſterung öffentlicher Mittheilung bewirken Wunder.
Wenn nach W. Andeutung die Odyſſee um 100 Jahre ſpäter, u. unter einem ganz andern Himmel als dem Joniſchen geſungen iſt, ſo dürfte man wohl auf Sicilien rathen.
* Dieſe ſehr intereſſanten AÄußerungen Goethes, die bisher meines Wiſſens noch nicht veröffentlicht worden ſind, glaube ich aus folgender Erwägung vom 29. Mai 1795 datieren zu müſſen. Ihr Inhalt läßt vermuten, daß ſie unmittelbar nach dem Erſcheinen von Wolfs Buche gethan ſind, noch ehe ſich Goethe eingehender mit demſelben beſchäftigt hatte; die beiden Schlußſätze zeigen, daß in Goethe der Eindruck von Wolfs Perſönlichkeit noch lebendig iſt. Offenbar gehören ſie aber nicht zu den Geſprächen des 28. Mai 1795, an dem Goethe Wolfs Bekanntſchaft machte,(dieſe finden ſich in Böttigers Aufzeichnungen an einer anderen Stelle) vielmehr ſind es gelegentliche Bemerkungen, die Böttiger gegenüber gemacht wurden. Nach ſeinen Briefen(ſiehe z. B. S. 19 n. 39) kann Böttiger in den auf Wolfs Beſuch folgenden Wochen nur an einem Tage bei Goethe geweſen ſein und zwar am 29. Mai; er las an dieſem Tage bei ihm(in der Freitagsgeſellſchaft) eine Abhandlung über den erſten Gebrauch des Papyrus(vergl. die S. 14 n. 14 citierte Stelle aus einem Briefe Humboldts an Wolf), an die Beſprechung derſelben mag ſich die Unter⸗ haltung über Wolfs Hypotheſen angeknüpft haben.


