Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

ſchluß geben kann. Mit Einem Wort, ich wünſche, Hr. Vicepr. Herder erführe nichts von dieſer Sen⸗ dung an Wieland. Dieß können Sie ohnezweifel auf eine Art bewerkſtelligen, die beſſer iſt, als ich mir anzugeben weiß, und ich traue Ihrer Freundſchaft, daß Sie es thun. Die Sache iſt eine Kleinig⸗ keit, und doch iſt ſie mir nicht unwichtig.

Sind Sie denn in der Pfingſtwoche zu Hauſe?? Es wünſcht es jemand zu wiſſen, der um die Zeit Weimar paſſirt. ²2

H. 15. May 95.

Ich verabredete einmal mit Reiz in Briefen ein Stelldichein in Skeuditz, wo wir ver⸗ ſchiedentlich zuſammentrafen. Er wünſchte diem Philemonis*¹, und ohne irgend ein Datum beizufügen. Da hören Sie, wie lächerlich mir es gieng: ich denke durchaus nicht an den Leipziger Kalender; und da ich wol aus dem übrigen Briefe merkte, daß der Tag ſehr nahe wäre, ſo faſſe ich alle Anecdoten⸗Krämer des Alterthums, um herauszubringen, ob der Geburtstag des Komiker Philemon bekannt wäre, und wann er fiele; und da ich gleichwohl ſchon im Voraus wegen der Reduktion auf unſern Kalender, die Reiz haben möchte, in Sorge war, nach 2tägigem Suchen auch nichts von einem Geburtstage des Komikers zu ſehen war, mußte ich einen Expressen nach Leipzig ſchicken, um mich von dem ehrlichen lieben Reizio herzlich auslachen zu laſſen. Es war ein Philemon aus dem neuen Teſt.[ament].

Da gehts doch mit dem heil. Pfingſtfeſte ſicherer, zumal mit Pfingſtwoche. Hören Sie, liebſter Rather, kurz und quasi in nuce: ich war willens nächſten Mittwoch oder Donnerstag hier abzu⸗ reiſen, und zwiſchen Jena und Weimar eine Woche netto zu theilen. Nun kömmts darauf an, ob Ihr Freund Sie in den erſten oder in den letzten Tagen dieſer Friſt beſchäftigen muß:²? ich kehre erſt den Sonnabend nach Pfingſten hierher zurück. Alles ſoll alſo von Ihrer Beſtimmung, die ich erſt bei

21 Bei Böttiger kommt das Geſpräch auch auf dieſen Punkt. B. zeichnet folgende Außerungen Wolfs auf: Herder ſchickte Wolfen den erſten Theil ſeiner zerſtreuten Blätter mit einem ſehr verbindlichen Briefe zu. W. der recht viel darüber ſchreiben wollte, verſchob die Antwort ſo lange, bis es ganz unterblieb. Ein Jahr darauf bemerkte W. bei einem Beſuche, den er H. hier[?*] machte, eine ſolche ſtrafende Kälte, daß er von nun an aus aller Verbindung mit ihm trat. An Wolf ſchrieb B. am 11. Mai:Daß das, was Sie in Abſicht auf Herder wünſchen, pünktlich er⸗ füllt werde, iſt meine Sorge. Aber über die Urſachen dieſer Behutſamkeit wünſche ich Aufſchlüſſe von Ihnen zu er⸗ halten. Denn wenn ihn Voß für einen Heyneſchen Parteigänger hielt, ſo hatte er freilich ſeine guten Veranlaſſungen dazu. Allein er betrog ſich doch in der Hauptſache. Herder ſpricht mit ungekünſtelter Begeiſterung von Ihrer homeriſchen Kritik. Angeſpielt wird hier auf das Zuſammentreffen von Herder mit Voß im Juni 1794, worüber Voß in ſeinen Briefen erzählt.(Vergl. J. H⸗ Voß, Briefe, herausgegeben von Abrah. Voß, I, S. 382 ff.)

²2 Wolf ſelbſt beabſichtigte dieſe Reiſe und führte am 22. Mai den Plan aus. Vergl. den folgenden Brief.

2s Friedrich Wolfgang Reiz(1733 1790) zuletzt ordentl. Prof. in Leipzig⸗ Wolf, der ihm viel verdankte, war ſein vertrauter Freund. Vergl. Körte a. a. O. I, S. 133.

Dies Philemonis iſt der 8. März.

²5 Böttiger erwartete, wie er am 11. Mai ſchrieb, einen Freund, mit dem er eine kleine Reiſe machen wollte. Dieſer Freund, ein Herr von Wiedebach aus der Lauſitz, hatte nach einem ſpäteren Briefe Böttigers, vom 16. Juli, ſeinen Plan geändert und war vorerſt in ein böhmiſches Bad gegangen, um dort, wie Böttiger boshaft ſpottet,ſeine hohlen Ideen und Eingeweide auszuwaſchen. Böttiger reiſte mit ihm im Auguſt 1795 nach Hamburg.