Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

Doch endlich zu Ihrem lieben Briefe. Das beigelegte Programm hat mir wahre Freude ge⸗ macht, und ich wollte, Sie ließen keine einzige der neulich bemerkten Ideen fahren. ¹5 Sie ſchicken ſich ſo ſchön zu dergl. Schriften, die doch ihre ſo beſtimmten Grenzen haben: und die nähere Unterſuchung nur allein von dem Puncte, der auf die griech. S chreibkunſt geht, iſt für die geſammte Litteratur von der größten Wichtigkeit. Ich wünſchte, Sie nähmen inſonderheit die noch ſchlecht bearbeitete Materie von der Erfindung oder dem Gebrauch des Papyros dazu: da ſind mehrere ſeltſame Dinge noch zu ſagen. So glaube ich(h. e. opinor) die Griechen ſind die erſten, die die ganze Entdeckung machten, das Zeug ließe ſich zum Schreiben brauchen. Daraus erklären ſich dann viele Dinge. ¹ Ganz herr⸗ lich haben Sie den Zeitpunct getroffen. Die tempp. Persica ſind es, wovon alles in dieſer gelehrten mundities oder Cultur ausgeht! Fahren Sie aber ſo fort, ſo werde ich in der Folge niemand öfter

als Sie citiren müſſen. Dann ſorgen Sie nur, daß die Programme in ein Volum. vereinigt werden.

Nun noch ein ernſthaftes Wort. Ich habe zwar durchaus keinen Wunſch nach Recenſionen meines Buches,(und Schütz ſelbſt, ſo ſehr er mein Freund iſt, und die große Hanſe dirigirt,¹⁰ hat vor wenig Tagen die erſte deutliche Idee von meinem Beginnen erhalten) gleichwohl freut mich Ihr Vor⸗ ſatz einer Art Auszug im Mercur ſehr.¹ Nur ſchwer wird das Ding ſeyn, da ich zuweilen mehr zu⸗ winke, als ſpreche. Manchmal kann es gut ſeyn an ſolchen Stellen beredter zu ſeyn, manchmal aber

¹² Quid sit docere fabulam? P. I. Vim. 1795. Böttiger ſchreibt darüber:Ich habe etwas gewagt, worüber ich mir Ihre Verzeihung und Nachſicht ganz inſtändig erbitten muß. Ich habe Ihre ſo fruchtbaren Winke über die Didaskalie der älteſten dramatiſchen Dichter aufgenommen, und ſie etwas weiter ausgeführt; freilich noch immer höchſt unvollſtändig. Denn ich habe keine Collektaneen und war nicht darauf vorbereitet. Allein die Sache war allerdings ſchon lange meine Ueberzeugung, ſeit ich im 4ten Theil der Herculaniſchen Gemälde eine ſolche Dichterſchule, wo der Dramaturg den herumſitzenden Schauſpielern ihre Rolle einprägt und vorſpielen läßt, ge⸗ funden hatte. Davon ſoll denn der zweite Theil handeln, wie denn die devrsgat peorrides überhaupt manches beſſer beſtimmen und entwickeln können. Zürnen Sie wenigſtens nicht über die Verwegenheit das äußerſte Ende eines Ihrer Goldbarren in Münze auszuprägen. zurars guαidτεο. Der zweite Teil von Böttigers Abhandlung erſchien im folgenden Jahre ebenfalls als Programm.

¹s Dieſelben finden ſich in dem Briefe Böttigers vom 27. März. Es waren: Unterſuchung über die Thätig⸗ keit der Rhapſoden, die Spuren älterer Lieder in Ilias und Odyſſee, Plan und Epiſoden in Herodot(entgegen ſeinen früheren Anſichten inde Herodoti historia ad carminis epici indolem propius accedente. Vim. 1792 u. 93, 2 Teile), endlich de symbolis veterum nach der Andeutung Proleg. p. LXXXVII.

u Wolf macht auf Proleg. S. 59 n. 22 aufmerkſam. Nachdem Böttiger dem Freunde am 14. Mai über dieſe Frage ſeine Anſichten entwickelt hatte, ſendet er ihm am 24. März 1796 die Abhandlung:Ueber die Erfindung des Nilpapyrs und ſeine Verbreitung in Griechenland, im N. T. Merkur 1796 St. 2 u. 3, mit den Worten:Ohne Sie, mein verehrter Freund, wäre auch die beyfolgende Ahhandlung über den Papyrgebrauch nie ge⸗ ſchrieben. Ich habe nur Ihre Winke aufgenommen und das iſt denn eine leichte Sache. Sie iſt alſo gewiſſermaßen Ihr Eigenthum und als ſolche erſcheint ſie jetzt vor ihrem Herrn und Gebieter. Siehe Wolfs Brief vom 5. April 1796. Üübrigens berichtet Humboldt an Wolf am 3. Juni 1795:Böttiger hat letzten Freitag(29. Mai) eine Abhandlung bei Göthe geleſen, wo er bewies, daß eine von Pſammetichus berufene joniſche Kolonie zuerſt auf Papyrus geſchrieben habe, und die ein wahres Böttigeriſches Meiſterſtück ſein ſoll, eine wahre Karrikatur und Parodie Ihrer Prolegomena, voller Blumen und Schnörkel. Varnhagen von Enſe, Verm. Schriften, IV, S. 307 f. Über dieſe Freitags⸗ geſellſchaften bei Goethe iſt zu vergleichen Böttiger, Lit. Zuſt. u. Zeitgen., I, S. 23 ff.

15 Prof. Chr. G. Schütz war mit Prof. Hufeland Leiter der Allgemeinen Litteratur⸗Zeitung in Jena.

16 Dieſe Idee ging von Wieland aus.Vor der Hand wünſcht er(Wieland) ſehr lebhaft, daß der status controversiae in einigen Hauptfragen dem ganzen Publikum ſo bald als möglich vorgeſtellt, und ſo die algemeine