Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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ſich, wie Sie mir zugeben werden, durchaus nicht brauchen, nicht gutiren, nicht widerlegen, wenn man nicht ſo eben von einer mehrmaligen Lectüre des Hlomer] friſch herkömmt.

Bei meinem vielen Leſen im Homer kann ich mich doch deutlich erinnern, daß die 30ſte oder 40ſte Lectüre,(immer in Eins weg angeſtellt,) wenn ich ein paar Monate dazwiſchen was anders gethan, alle HauptEindrücke der ſubtileren Sachen zerſtört fand. Aber ich habe einmal das Unglück, ſchnell aufzufaſſen und ſchnell wieder das gefaßte zu verlieren. Noch Einmal alſo: ich leugne die Einheit nicht: nur in der II. iſt ein opus supererog. ſatum] nach der Ankündigung. Doch wozu das alles, da Sie es wahrſcheinl. izt ſchon deutlicher, obgleich auch nur angedeutet, in der Vorrede zum 2ten Bande gefunden haben. Dieſer Vorrede wegen, bitte ich Sie, mir ausdrücklich zu ſagen, und rund heraus, ob ſie unbeſcheiden iſt. Ich höre, das ſoll ſie ſeyn. Ich weiß es nicht, auch glaub ichs kaum, bei grad⸗ denkenden Leuten aber das weiß ich wohl, daß ich ſie in einer Art kritiſcher Begeiſterung ſchrieb, wozu mich allerei NebenEmpfindungen veranlaßten, die man blos von Mund zu Mund erzählen kann. Noch Eins, wovon auch noch nichts in den Prolegg. ſtund: iſt es sapienti sat, daß ich nicht die Odyſſee, d. h. ſo gut wie nichts davon, vom Sänger der Il.,(ausgeſtrichen: der wohl der ächte Homerus ge⸗ weſen ſeyn mag! wohl nur mag!!) halte? Ich habe meine Meinung aber ſo verſchleiert, daß man ge⸗ wiß, wenigſtens beim Cammergericht in Berlin, mich nicht verklagen kann. Uebrigens möchte ich Ihnen von jener Vorr. gern ſagen, was der Bürgermeiſter Cic. von dem Bettelbriefe ſagt: Er hat ziemlich meinen Beifall. Aber das laſſen Sie ſich ja nicht abhalten, mir auf die Frage recht beſtimmt zu ant⸗ worten; und um das Selbſtlob nicht Ciceronianiſch zu finden(ich mag den Mann weder darin, noch ſelbſt eigentlich im Stil, nachahmen?) nicht zu arg zu finden, ſetze ich dazu: in den Prolegg. bin ich noch gar nicht mit dem Vortrage zufrieden. Da drückten mir die Sachen zu ſehr das Herz, zumal

²Ahnliches findet ſich in den Geſprächen Wolfs, die Böttiger aufgezeichnet.

Die Vorrede zur Ausgabe der Ilias, zu der die Prolegomena den erſten Band bildeten. Üüber dieſelbe fällt Körte, Leben Wolfs, I, S. 268, das gleiche Urteil, wohl nach Wolfs eigenen Worten.

¹ Böttiger antwortet darauf am 11. May 1795:Nur das muß ich Ihnen jetzt noch ſagen: Ihre 7oναιovres haben mich gleich gewaltig aufs Herz getroffen, und daß Sie auch dazu gehören, hatte ich auch weg. Und warlich ſchon dieß allein feſtzuſtellen, iſt eines Menſchenlebens werth. Vergl. Proleg. p. CLVIII n. 20. Bekannt⸗ lich war Wolf nicht der erſte, der dieſe Behauptung der Alten wieder aufgeſtellt; Re iz und Klotz z. B. hatten dies ſchon vor ihm gethan. Vergl. Fabricii B. Gr. I, p. 356. Aber die Behauptungen beider waren nicht beachtet, ja kaum bekannt geworden; erſt nach dem Erſcheinen der Prolegomena wird hier und da daran erinnert, z. B. im N. T. Merkur 1796, I, S. 336.

Wolf ſcheint die Stelle Epist. ad Atticum 4, 6, 4 im Sinne zu haben, wo Cicero freilich etwas mehr ſagt(valde bella est); an das Ende Epist. de petitione consul. ad M. fratrem c. 58, deſſen Wortlaut eher unſerer Stelle entſpräche, könnte man nur denken, wenn man eine Ungenauigkeit im Citate Wolfs annehmen wollte.

» In den von Böttiger aufgezeichneten Geſprächen Wolfs findet ſich folgendes:Erneſtis Latinität nennt Wolf nur den Schlaſrocksſtil, und iſt ihm, ſowie dem Ciceronianiſchen herzlich gram. Er hält überhaupt die ſoge⸗ nannten scriptores argenteae aetatis wegen der Verfeinerung und zärteren Nüancirung der Sprache weit höher, als die ſogenannten Goldklaſſiker.... Tacitus iſt Wolfs Abgott. Er ſchrieb einſt ſeine Ketzereien über den lateiniſchen Stil an Ruhnkenius, der aber doch eine ſehr bedenkliche Mine dazu machte, weil das imitatorum pecus ſchrecklichen Mißbrauch davon machen könnte. Er glaubt nemlich, daß ſich noch jetzt ein jeder Sachkundige nach der Analogie der Sprachen einen ganz eigenen Stil bilden, fehlende Worte analogiſch machen, und zur rechten Zeit(wie ſchon Muretus einmal ſagt) auch aus dem Sidonius Apollinaris und Ambroſius einen Ausdruck brauchen könne. In einzelnen Stellen der Prolegg. Hom., wo er mit ganz neuen Begriffen zu kämpfen hatte, iſt nach dieſen Grundſätzen wirklich verfahren. Vergl. auch Körte a. a. O. I, S. 268 und Arnoldt, Fr. A. Wolf ꝛc. II, S. 168.