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8 Briefe F. A. Wolfs an K. A. Böttiger.
H.lalle] 2. May 95.
Es iſt eine behagl. Sache, Briefe zu ſchreiben, wenn es erlaubt iſt, ſo von Zeit zu Zeit eine Zeile hinzuſchreiben, und, wie es dabei nicht anders gehen kann, von einem aufs andere zu kommen. Soeben komme ich Abends von einer kleinen Reiſe zurück, und zu ein paar Seiten habe ich ſchon heute Zeit. Gefällt Ihnen dieſe Art zu ſchreiben?
Dank vorerſt von ganzem Herzen für Ihren herrl. Brief und die Nachrichten von dem Patriarchen Wieland. Aber heus tu! Was geben Sie mir ſchuld, ich leugnete, daß in II. ias] u. Od. yssee] eine gute Einheit ſey! Wo ſteht das?? Ich kann wohl ein Wort verloren haben, daß ſie nicht ſo bewundernswürdig, daß ſie zum Theil von ſelbſt entſtanden ſey,(aber vor der Odyſſee ſtehe ich ja ſtaunend,) vielleicht ſelbſt ein etwas ſtarkes Wort, das zur hiſtoriſchen Unterſuchung mit erſchüttern ſollte, aber die Ein— heit kann ich nicht geleugnet haben. Aber ſo gehts, wenn man ſo über die Kohlen lauft, wie ich in jenen§§ grad am meiſten that: hier mußte ich 24 Bogen meiner Mſte. zurückpacken, um nur nicht in eine Idee tiefer mich zerren zu laſſen: daher bin ich auch ſo kurzlaut bei den Spuren der Unächtheit von den letzten Büchern beides der II. wie der Odyss., und dieß und manche Andre Dinge laſſen
1 Böttiger hatte ihm am 23. April 1795 geſchrieben:„Vater Wieland hatte ſich über die Verlobung einer ſeiner Töchter mit einem Sohne des Idyllendichters, Geßner in Zürich, ſo patriarchaliſch und genialiſch gefreut, daß er das Uebermaaß— er iſt über und über Nerve— durch eine ziemlich lange Unpäßlichkeit abbüßen mußte. So lange er in dieſem Zuſtande war, wollte ich von der mir von Ihnen gegebenen Erlaubniß, ihm Ihre Homerika vorlegen zu dürfen, keinen Gebrauch machen. Jetzt iſt es geſchehen und wir ſtehen noch in einer kleinen Controvers, über die ich ihn morgen oder übermorgen noch einmal weitläufig ſprechen werde. Auch davon erhalten Sie pünktlich Rechenſchaft. Vor jetzt im Allgemeinen nur ſo viel. W. iſt aufs lebhafteſte überzeugt, daß es ſchon an und für ſich eine pſychologiſche Ungereimtheit ſey, zu behaupten, daß ein einzelner Sänger den Plan zu zwei Heldenliedern der Art und Länge, wie unſere Ilias und Odyſſee ſind, im voraus entworfen habe; er beruft ſich hierbey auf eigene Er⸗ fahrungen, und Sie haben ſo noch ein äuſerſt merkwürdiges Zeugniß vor ſich. Allein das will ihm noch nicht recht einleuchten, daß ſelbſt in den durch die Rhapſodenkünſte und Bemühungen der erſten Sammler ſo meiſterhaft zuſammen⸗ gerundeten Epopöen keine wahre Einheit zu finden ſey. Dieſe Einheit, die bisher zugleich für den wichtigſten Beweiß der Einheit ihres Verfaſſers galt, durch überzeugende Argumente zerſtören zu können, dieß glaubt er, werde Ihnen auſerordentlich ſchwer fallen. Ihm ſcheine ſelbſt der 41 smεraα ρρι und die Avrga am Ende der Ilias ſo unzertrennlich von der uιᷣ IHIννεααε zu ſeyn, als das Nachtoſen und Nachfluten der Wogen nach einem Hauptſturm auf der See. Daher möchte er den von Ihnen vorgeſchlagenen veränderten Anfang der Ilias auch im Scherze nicht gelten laſſen.“ Zur Sache vergl. Wolfs Proleg. p. CXIV— CXX.— Über Wielands Nervoſität vergl. Raumer, hiſtoriſches Taſchenbuch X, Leipzig 1839, S. 377. Nach den hier von K. W. Böttiger aus dem Nachlaß ſeines Vaters mitgeteilten Geſprächen Wielands war dieſelbe als Folge der Pocken zurückgeblieben, nach einer anderen Außerung ſchrieb ſie Wieland einem zu heißen Bade zu.


