Aufsatz 
Zur Geschichte der Wolfschen Prolegomena zu Homer. Mitteilungen aus ungedruckten Briefen von Friedrich August Wolf an Karl August Böttiger
Entstehung
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So geriet er denn, um von anderm zu ſchweigen, was ſeiner Wirkſamkeit Tadel zuzog, wegen der eben geſchilderten Eigenſchaften mit den meiſten Gelehrten ſeiner Zeit in unangenehme Verhältniſſe und erfuhr die herbſten Zurechtweiſungen! für den Unfrieden, den er vielfach geſäet. Ohne Zweifel gab dieſe unangenehme Eigenſchaft Böttigers zum größten Teil die Veranlaſſung, daß ſich Wolf von ihm bald zurückzuziehen ſuchte. Friedrich Schlegel ſchrieb wenigſtens bereits im Jahre 1798 ſeinem Bruder, daß Wolf nicht gut auf Böttiger zu ſprechen ſei, daß er ihm ſelbſt abernichts thun möge.¹

Die Geſchäftigkeit, mit der Böttiger ſtets neue Bekanntſchaften anknüpfte, brachte ihn dazu, ſich Wolf zu nähern in jenem Zeitpunkte, als deſſen Ruhm ſich weit über ſeinen engern Wirkungs⸗ kreis hinaus zu verbreiten begann. Daß Wolf auf dieſen Verkehr mit Freuden einging, darf nicht Wunder nehmen. Noch war Böttigers Anſehen als Gelehrter wie als Menſch nicht erſchüttert; Goethe, Wieland, Herder würdigten ihn ihres Umgangs und ließen ihn an ihren Beſtrebungen teilnehmen; noch hatte er ſich nicht alsder böſe Dämon entpuppt, der unter jenen Männernalles Unheil anzettelte. ¹5 Wolf kannte und ſchätzte nur die guten Seiten des rühmlichſt bekannten Gelehrten und durfte von ſeiner ehr⸗ lichen Freundſchaft feſt überzeugt ſein. Überdies fand Wolf in ihm einen aufrichtigen, faſt zu über⸗ ſchwänglichen Bewunderer und, was ihm mehr galt, von Anfang an einen eifrigen und rückhaltloſen Anhänger ſeiner homeriſchen Hypotheſen und einen ſtets dienſtwilligenRather. Nicht weniger mochte aber Wolf ſich zu einer Verbindung mit Böttiger hingezogen fühlen, weil eben dieſer in Weimar dem Anſcheine nach im innigen Verkehr mit den geiſtig bedeutendſten Männern jener Zeit lebte, vor allem mit Goethe, als deſſen wahrer und warmer Verehrer ſich Wolf faſt in jedem ſeiner Briefe zeigt.

Nichts kann uns ferner liegen, als an dieſer Stelle ein Bild des Verhältniſſes der beiden Ge⸗ lehrten zu einander geben zu wollen, die Eigentümlichkeit mancher Dinge, die in den Briefen auffallen, ſchien jedoch die vorausgeſchickten Bemerkungen ebenſoſehr zu verlangen, wie die allgemein bekannten vor⸗ trefflichen Schriften über denheros eponymos für das Geſchlecht deutſcher Philologen jede Außerung über dieſen überflüſſig macht. Die als Probe ausgewählten Briefe, welche die Prolegomena zu ihrem Mittelpunkte haben und zuſammen mit den von Böttiger aufgezeichneten Bemerkungen von Goethe, Herder, Schütz und Wieland über dieſen Gegenſtand ein abgerundetes Ganzes bilden, bedürfen auch nur weniger Worte zur Einführung und auch dieſer nur aus dem Grunde, weil eine Reihe von Briefen aus der erſten Zeit nicht mehr vorhanden iſt.

Der erſte, ſchon erwähnte Brief Wolfs iſt am 6. Auguſt 1793 geſchrieben, der älteſte der Böttigerſchen Briefe, der mir vorliegt, am 27. März 1795, das zweite der überlieferten Wolfſchen Schreiben, vom Mai 1795, iſt im Folgenden abgedruckt. Wie es den Anſchein hat, handelten die

¹s Bekannt ſind die Ausfälle der Kenien, des geſtiefelten Katers, der Schlegelſchen und Schellingſchen Er⸗ klärungen gegen ihn. Vergl. auch Riemer a. a. O. S. 325, 327 ff. und die dort citierten Stellen aus dem Briefwechſel zwiſchen Schiller und Goethe.

Friedrich Schlegels Briefe an ſeinen Bruder, herausgeg. von Walzel, Berlin 1890, S. 379 f.

s Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedr. von Müller, herausgeg. von Burkhardt, Stuttgart 1870, jetzt inGoethes Geſprächen, herausgeg. von W. von Biedermann, II, S. 87.

¹6 So nennt ihn Niebuhr, der nicht ſein Freund war, im 1. Jahrgang desRheiniſchen Muſeums.