Freund ſein, ohne einen Unterſchied zwiſchen hervorragenden und mittelmäßigen Männern zu machen. Ihm war es nur darum zu thun, ſeinen Verkehr möglichſt auszubreiten; für ſeine Dienſte forderte und erhielt er Gegenleiſtungen. Bei ſeiner Vielthätigkeit ging er nämlich vor allem darauf aus, von allen Seiten Neues aufzuſammeln.“ Was er erhorchte, pflegte er ſofort aufzuzeichnen, um es bei gelegener Zeit benutzen zu köͤnnen. Da er hierbei keinen Unterſchied in der Perſon des Mitteilers und ebenſo⸗ wenig in dem Gegenſtande machte und mit großer Geſchäftigkeit ſeine Nachrichten wieder weiter gelangen ließ, ſo teilte er auch wohl manches mit, was Geheimnis bleiben ſollte, und verurſachte durch voreilige Benachrichtigungen und unreife Zuflüſterungen unangenehmen Klatſch. Anderſeits wieder ſcheint er von vielen als bequeme und ſtets bereite Auskunftsſtelle für Neuigkeiten aller Art benutzt worden zu ſein. Wiſſen⸗ ſchaftliche und politiſche Nachrichten führte ihm ſeine Korreſpondenz in Fülle zu, und auch für den Klatſch iſt wohl ein großer Teil der damaligen gelehrten Welt zum mindeſten nicht unempfänglich geweſen.“ Kaum glaublich iſt es, daß er ohne böswillige Abſicht verfuhr. Allerdings trieb ihn Gutmütigkeit und Klugheit dazu, ſeine Mitteilungen nur in die Form des Lobes zu kleiden, doch weiß er ſelbſt dem Ge⸗ lobten einen verſteckten Schlag zu verſetzen.““ Wenn man vollends die Mitteilungen lieſt, wie ſie in dem aus ſeinem Nachlaſſe herausgegebenen Buche„Literariſche Zuſtände und Zeitgenoſſen“ ¹ aufbewahrt ſind, ſo kann man ſich des Gefühls nicht erwehren, daß er mit einem gewiſſen Behagen kleine Schwächen und Fehler anderer aufdeckt, daß er mit Vorliebe gerade über geiſtig bedeutende Perſönlichkeiten zu witzeln ſucht, ja daß er ſelbſt das haltloſeſte Gerede der Aufzeichnung wert hält. Fr. Schlegel tadelt dies mit Entrüſtung an ihm ſchon 1796;¹² auch unſere Briefe enthalten manche kleine Bosheiten dieſer Art.
„Vergl. darüber beſonders Haym, Herder, II, S. 755 ff., wo die Aufzeichnungen von Caroline Herder benutzt ſind. Sehr gut nennt ihn Schöll(Goethe S. 367)„den haltungsloſeſten Gelehrten, den Antiquitäten⸗ und Neuigkeiten⸗ ſchwamm“.— Schiller gab ihm bekanntlich den Beinamen„Herr Ubique“.
„ Intereſſant iſt in dieſer Beziehung aus einem Briefe Ifflands an George Forſter, datiert von Mannheim, den 30. Juli 1790, folgende Stelle:„.. Allgütiger! bewahre Deutſchland vor den deutſchen Gelehrten! Ihre Despotie, die ſchon jetzt Menſchenverſtand und Menſchengefühl ſo oft beleidigt, ihre Widerſprüche, die Fauſtrechts⸗ ſitte, womit die Meiſten ihre übellaunigen Syſteme etabliren, die Rauhheit, der unbarmherzige Hochmuth, womit die Meiſten ſchon bei ihrem Leben, der eine auf dieſe, der andere auf jene Weiſe— ihre Lobreden ſelbſt ſchreiben, dieſe Klätſchigkeit— im Mantel der Gradheit, dieſe Flegelei, genannt hoher Biedermannston, die Herzenshärtigkeit— Gott! da richte ja noch lieber das alte Hofgericht von Rothweil als dieſer Areopag— oder der, den dieſe veranlaſſen könnten!— Ja, lieber Forſter, ich kenne nichts, das mir mehr zuwider wäre, als der mehrere Theil der deutſchen Gelehrten! Ihre Güte mag Sie oft abhalten, ſie zu ſehen, wie ſie ſind, oder jene mögen oft vor Ihnen die Krallen einziehen, die ſie vor unſer Einem in ihrer ganzen Häßlichkeit auf Tiſche und Angeſicht und ihrer Kollegen Herz hin⸗ legen.— Es iſt eine eigene häßliche Race“.(Dorow a. a. O. V, S. 38.)
0 Goethe kennzeichnet ſein Verfahren iin den Worten:
„Der Nachbar ſei brav in allen Stücken, Doch könnte man ihm auch etwas am Zeuge flicken.“
Vergl. auch Riemer a. a. O. I, S. 333, 402. 11„Literariſche Zuſtände und Zeitgenoſſen“, herausgeg. von K. W. Böttiger. Leipzig 1838.
12 Fr. Schlegels Briefe an ſeinen Bruder, herausgeg. von Walzel, Berlin 1890, S. 284:„Böttiger... wagt über Goethe und Schiller zu witzeln, worauf ich ernſthaft geantwortet.“


