Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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5. Wenn man bedenkt, wie ſich der Geſchmack mancher, ſelbſt gebildeter Menſchen in abſcheulichen Mißgeſtalten gefallen kann, ſo fällt es recht auf, wie nötig es ſei, in der Erziehung die Einbildungskraft nicht zu beſeitigen, ſondern zu regeln, ihr durch zeitig vorgeführte edele Bilder Luſt am Schönen, Bedürfnis des Vortrefflichen zu geben.

6. Man ſollte alle Tage wenigſtens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht leſen, ein treffliches Gemälde ſehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte ſprechen.

7. Fritz ſoll brav zeichnen, was ihm vorkommt.

8. Ich wünſche ihn am liebſten hierauf gerichtet zu ſehen und nicht weniger auf Geometrie, welche denn doch zuletzt alles Nachbilden regeln muß.

9. Keine ſeiner Fähigkeiten iſt dem Menſchen werter als ſeine Einbildungskraft. Wir haben eine Einbildungs⸗ kraft, der wir, wofern ſie ſich nicht der erſten beſten Vorſtellung ſelbſt bemächtigen ſoll, die ſchicklichſten und ſchönſten Bilder vorlegen und dadurch das Gemüt pflegen und üben müſſen, das Schöne überall und in der Natur ſelbſt unter ſeinen beſtimmten, wahren und auch in den feineren Zügen zu erkennen und zu lieben.

10. Die Einbildungskraft wird nur durch Kunſt, beſonders durch Poeſie, geregelt. Es iſt nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne Geſchmack.

11. Was die Alten pfeifen, Was die Väter ſungen, O möchten ſie zum Schönen Das wird ein Kind ergreifen. Das zwitſchern muntre Jungen. Sich früh und früh gewöhnen! . 8* *

12. Wer nicht muſikaliſch iſt, dem fehlt ein Drittel des Lebens.

13. Ohne Muſik iſt das Leben ſehr unvollkommen, ſie weiß dem Gefühl anzunähern, was dem Begriff und ſelbſt der Einbildungskraft fremd bleibt.

14. Bei uns iſt der Geſang die erſte Stufe der Ausbildung, alles andere ſchließt ſich daran an und wird dadurch vermittelt.... Was die Knaben auch begannen, bei welcher Arbeit man ſie auch fand, immer ſangen ſie.(Päd. Provinz.)

8. Religion, Moral.

1. Als Hülfsmittel der Erziehung iſt die Bibel unſchätzbar.

2. Deshalb iſt die Bibel ein ewig wirkſames Buch, weil, ſolange die Welt ſteht, niemand auftreten und ſagen wird: ich begreife es im ganzen, ich verſtehe es im einzelnen. Wir aber ſagen: im ganzen iſt es ehrwürdig und im einzelnen verwendbar.

3.(Es bedürfte nur einer kirchengeſchichtlichen und dogmatiſchen Erweiterung) ſo verdiente dieſes Werk gleich gegenwärtig wieder in ſeinen alten Rang einzutreten, nicht nur als allgemeines Buch ſondern auch als allgemeine Bibliothek der Völker zu gelten. Es wird gewiß, je höher die Jahrhunderte an Bildung ſteigen, immer mehr zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naſeweiſen, ſondern von wahrhaft weiſen Menſchen genutzt werden.

4. Sobald man die reine Lehre und Liebe Chriſti, wie ſie iſt, wird begriffen und in ſich eingelebt haben, ſo wird man ſich als Menſch groß und frei fühlen und auf ein bischen ſo oder ſo im äußeren Kultus nicht mehr ſonder⸗ lichen Wert legen.

5. Mag die geiſtige Kultur nur immer fortſchreiten, der menſchliche Geiſt ſich erweitern, wie er will, über die Hoheit und ſittliche Kultur des Chriſtentums, wie es in den Evangelien ſchimmert, wird er nicht hinauskommen.

6. Den Katechismus, eine Paraphraſe desſelben, die Heilsordnung wußte ich an den Fingern herzuzählen, von den kräftig beweiſenden Bibelſprüchen fehlte mir keiner, aber von alledem erntete ich keine Frucht.

7. Es gibt keine ſchönere Gottesverehrung als die, zu der man kein Bild bedarf, die bloß aus dem Wechſel⸗ geſpräch mit der Natur in unſerem Buſen entſpringt.

8. Unter Vater der Liebe iſt ein Weſen genannt, welchem alle übrigen die wechſelſeitige Neigung zu danken haben.... Ich muß auch geſtehen, daß die Lehre von der Verdammung der Heiden eine von denen iſt, über die ich wie über glühendes Eiſen eile. Um wie viele Millionen verrechnet ſich die Aſtronomie! Wer der Liebe Gottes Grenzen beſtimmen wollte, würde ſich noch mehr verrechnen.

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