Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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9. Was iſt deine Pflicht? Die Forderung des Tages.

10. Ein tüchtiger Menſch, der ſchon hier etwas zu ſein gedenkt und der daher täglich zu ſtreben, zu kämpfen und zu wirken hat, läßt die künftige Welt auf ſich beruhen und iſt tätig in dieſer. Auch hält ſich der reſolute Mann an den lebendigen Tag. Nun ſchaut der Geiſt nicht vorwärts, nicht zurück, die Gegenwart iſt unſer Glück.

11. Maria: Schweſter, Schweſter, Ihr erzieht keine Kinder dem Himmel.

Eliſabeth: Wären ſie nur für die Welt erzogen, daß ſie ſich hier rührten, drüben wird's ihnen nicht fehlen.

12. Du darfſt Scham und Sitte nicht verletzen, nicht weil es in den Augen der Leute ein Verſtoß oder ein Vergehen wäre, ſondern weil du die eigene Würde in den Staub herunterziehen würdeſt.

13. Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreiſes Sich erfreuen und ſo ſich Leben im Leben vollende.*)

7. Fremde, insbeſondere die alten Sprachen.

1. Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von ſeiner eigenen.

2. Möge das Studium der griechiſchen und römiſchen Literatur immerfort die Baſis aller Bildung bleiben.

3. Bei dem ſchwankenden und loſen Geſchmack der Zeit kann man jene Norm nicht ſorgfältig genug bewahren.

4. Wenn unſer Schulunterricht immerfort auf das Altertum hinweiſt, das Studium der griechiſchen und lateiniſchen Sprache fördert, ſo können wir uns Glück wünſchen, daß dieſe zu einer höheren Kultur ſo nötigen Studien niemals rückgängig werden.

5. So viel drängte ſich mir bei dem literariſchen Wirrwarr immer wieder entgegen, daß in den alten Sprachen alle Muſter der Redekünſte und zugleich alles andere Würdige, was die Welt beſeſſen, aufbewahrt ſei.

6. Die Homeriſchen Geſänge verſetzen uns in den anmutigſten ideellen Naturzuſtand und haben die Kraft uns wenigſtens auf Augenblicke von der furchtbaren Laſt zu befreien, welche die überlieferung von mehreren tauſend Jahren auf uns gewälzt hat.

7. Wenn wir uns dem Altertum gegenüberſtellen und es ernſtlich in der Abſicht anſchauen, uns daran zu bilden, ſo gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erſt eigentlich zu Menſchen würden.

8. Man wird uns nicht widerſprechen, wenn wir behaupten, die Sprache der Griechen habe uns bis auf dieſen Tag köſtliche Gaben überliefert, die an Gehalt den übrigen beſten aus anderen Literaturen gleich, der Form nach allen anderen vorzuziehen ſind.

9. Wer ſolchen Trank wahrer Bildung ſchöpfen will, findet keine beſſere Quelle als die Antike.

10. Der Menſch vermag gar manches durch zweckmäßigen Gebrauch der Kräfte, er vermag das Außerordentliche durch Verbindung mehrerer Fähigkeiten, aber das einzige, ganz unerwartete leiſtet er nur, wenn ſich die ſämtlichen Eigenſchaften gleichmäßig in ihm vereinigen. Das letzte war das glückliche Los der Alten, beſonders der Griechen in ihrer beſten Zeit.

11. Ein Lump bleibt freilich immer ein Lump, und eine kleinliche Natur wird durch einen ſelbſt täglichen Verkehr mit der Großheit antiker Geſinnung um keinen Zoll größer werden. Allein ein edeler Menſch, in deſſen Seele Gott die Fähigkeit künftiger Charaktergröße und Geiſteshoheit gelegt, wird durch die Bekanntſchaft und den vertrauten Umgang mit den erhabenen Naturen griechiſcher und römiſcher Vorzeit ſich auf das herrlichſte entwickeln und mit jedem Tage zuſehends zu ähnlicher Größe heranwachſen.

17. Jedes gute Buch und beſonders die Bücher der Alten verſteht und genießt niemand, als wer ſie ſupplieren kann. Wer etwas weiß, findet unendlich mehr in ihnen, als wer erſt lernen will.

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13. Soll ich franzöſiſch parlieren, eine fremde Sprache, in der man immer albern erſcheint, man mag ſich ſtellen, wie man will, weil man immer nur das gemeine, die groben Züge ausdrücken kann? Denn was unterſcheidet den Dummkopf vom geiſtreichen Menſchen, als daß dieſer das Zarte, Gehörige der Gegenwart ſchnell, lebhaft und eigen⸗ tümlich ergreift und mit Lebhaftigkeit ausdrückt, jener aber, gerade wie wir es in einer fremden Sprache tun, ſich mit geſtempelten, hergebrachten Phraſen behelfen muß!(er empfiehlt die fremde moderne Sprache möglichſt im Lande ſelbſt zu lernen.)

*) Ut enim adulescentem, in quo est senile aliquid, sic senem, in quo est aliquid adulescentis, probo. Cic. Cato Maior§ 38.