22
2. Man vergaß, wie mangelhaft aller Unterricht ſein muß, der nicht durch Leute vom Metier erteilt wird.
3. Gott erhalte unſere Sinne und gebe jedem Anfänger einen rechten Lehrmeiſter.
4. Die Schwierigkeit bleibt immer bei Jungen und Alten, daß derjenige, der ſein eigner Herr ſein will, ſich auch ſelbſt zu beherrſchen wiſſe, und dieſer Punkt wird in der Erziehung aus mehr als einer Urſache verſäumt.
5. Der Lehrer muß ſich bemühen, anerkannt zu werden, darauf beruht ſein Wirken.
6. Der Menſch wird vom Menſchen gebildet, der Gute vom Guten.
7. Der Lehrer muß unſerer Natur gemäß ſein.
8. Ein Erzieher, o welch ein erhabenes Weſen! Wahrlich, um einen Menſchen zu bilden, muß man ſelbſt ent⸗ weder Vater oder mehr als ein Mann ſein. Und dieſes Amt vertraut ihr ruhig Mietlingen an.
9. Unſere Meiſter nennen wir billig nur die, von denen wir immer lernen; nicht jeder, von dem wir lernen, verdient dieſen Titel.
b) Allgemeine pädagogiſche Winke für die Behandlung des Schülers(Liebe, Nachſicht, Beachtung der Eigenart, Gründlichkeit, Ausnutzung der Zeit, Konſequenz, Strenge, methodiſches Vorgehen).
.Aufmunterung nach dem Tadel iſt Sonne nach dem Regen. . Die Liebe herrſcht nicht, aber ſie bildet, und das iſt mehr. . Freudigkeit iſt die Mutter aller Tugenden. .Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmſt du dem Armen allen Mut in der Bruſt.— Ich tadle nicht gern, was immer dem Menſchen für unſchädliche Triebe die gute Mutter Natur gab.
5. Man bemerke, daß ſtrenge Geſetze ſich ſehr bald abſtumpfen und nach und nach loſer werden, weil die Natur immer ihre Rechte behauptet.
6. Sowohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung der Völker iſt nichts ungeſchickter und barbariſcher als Verbote, als verbindende Geſetze und Anordnungen. Der Menſch iſt von Hauſe aus tätig, und wenn man ihm zu gebieten verſteht, ſo fährt er gleich dahinter her, handelt und richtet aus. Ich für meine Perſon möchte lieber in meinem Kreiſe Fehler und Gebrechen ſo lange dulden, als daß ich den Fehler los würde und nichts Rechtes an ſeine Stelle ſähe.
7. Ein junger Menſch, der auf eigenen Wegen irre geht, iſt mir lieber, als einer, der auf fremden recht geht.
8. Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht,
Von ihrem künft'gen Futter ſprechen? Und wer der Puppe, die am Boden liegt, Die zarte Schale helfen durchzubrechen?
9. Indeſſen darf man die Jugend nur gewähren laſſen, nicht ſehr lange haftet ſie an falſchen Maximen, das Leben reißet ſie wieder zurecht.
10. Sie ziehen Dämme quer vor und ſtauen das Waſſer zurück zu einem feinen Teiche. Wird der Knabe majorenn erklärt, ſo gibt's einen Durchbruch, und das Waſſer ſchießt mit Gewalt und Schaden ſeinen Weg weiter und führt Steine und Schlamm mit fort. Man ſollte wunder denken, was es für ein Strom wäre, bis zuletzt der Vorrat ausfließt und ein jeder zum Bach wird, groß oder klein, hell oder trüb', wie ihn die Natur hat werden laſſen, und er ſeines gemeinen Weges fortfließt.
11. Pedanterie iſt der Tod des Unterrichts.
12. Unſer Kopf muß überſehn, was ein anderer Kopf faſſen mag, unſer Herz muß empfinden, was ein anderes fühlen mag.
13. Die Erkenntnis wächſt in jedem Menſchen nach Graden, die ein Lehrer weder übertreiben ſoll noch kann; und den hielt' ich für den geſchickteſten Gärtner, der für jede Epoche jeder Pflanze die erforderliche Wartung verſtände.
14. Man beachtet nicht genug die moraliſche Wirkung krankhafter Zuſtände und beurteilt daher manche Charaktere ſehr ungerecht, weil man alle Menſchen für geſund nimmt und von ihnen verlangt, daß ſie ſich auch in ſolchem Maße betragen ſollen.
15. Weiſe Männer laſſen den Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemäß iſt.
** *
16. Eins recht wiſſen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen. 17. Weil zum didaktiſchen Vortrag Gewißheit verlangt wird, indem der Schüler nichts Unſicheres überliefert haben will, ſo darf der Lehrer kein Problem ſtehn laſſen.
— 8= do g


