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juriſtiſche, mediziniſche, ſprachliche, literariſche, philoſophiſche und äſthetiſche Studien trieb, der zeichnete, malte, bildhauerte, ätzte und radierte, über das Straßburger Münſter ſchrieb und Volkslieder ſammelte, kurz, der, wenn er eben nicht Goethe war, ein Dilettant und Stümper geworden wäre.
Der reife Goethe, der ſelbſtändige Erfahrung in der Erziehung geſammelt hatte, hat ſich mit voller UÜberzeugung von einer Theorie abgewandt, die mehr auf geniale Naturen berechnet war und zum mindeſten ſich nur an die oberen Zehntauſend wandte.— Er hat ſich dem Manne in die Arme geworfen, dem die Not, das Elend und die Verwahrloſung der Maſſe zu Herzen gegangen war, und der deshalb die Maſſen durch Erziehung emporzuheben ſich beſtrebte, Peſtalozzi. Für die Arbeit durch Arbeit, ſo lautete deſſen neues ſozial gerichtetes Programm. Tüchtigkeit im Beruf, das iſt die Hauptſache im Leben, und dieſe hat die Erziehung ins Auge zu faſſen. Der Beruf aber iſt für die meiſten Menſchen ein praktiſcher. Deshalb ſoll Erlernung praktiſcher Tätigkeit in Ackerbau, Handwerk, Hauswirtſchaft und Induſtrie das ſein, womit die Erziehung einſetzt. Ganz von ſelbſt ſchließt ſich daran die Ausbildung von Geiſt, Gemüt und Charakter, von ſelbſt werden weite Gebiete des Wiſſens in die praktiſche Tätigkeit hineingezogen. Durch Berufsbildung dringt der Zögling von ſelbſt zu allgemeiner Bildung durch.
Dieſe Grundgedanken, die dann von Fichte zu einem förmlichen Syſtem erhoben wurden, hat Goethe ſich zu eigen gemacht, und ſie bilden den Kern ſeines pädagogiſchen Romans.
Mein Thema iſt nicht erſchöpft. Eine Anzahl gelegentlicher Außerungen Goethes über erziehliche Fragen trage ich im Anhang nach. Vollſtändigkeit war ebenſowenig meine Abſicht wie Aufbau eines geſchloſſenen Syſtems. Mir kam es darauf an, jetzt, wo moderne Pädagogen fortwährend Goethe zitieren und als Schwurzeugen für ihre Beſtrebungen anrufen, einige Unterlagen für eine richtige Beurteilung der Sache zu ſchaffen. Als Ergebnis möchte ich am Schluſſe vor allen Dingen eins herausſtellen. Bei allen Berührungspunkten, die die Modernſten mit Goethe haben, wird ein Umſtand meiſt nicht genügend beachtet, der gar nicht genug betont werden kann, daß nämlich Goethe, deſſen pädagogiſche Erfahrung weſentlich auf Einzelerziehung beruhte, bei ſeinen erziehlichen Winken und Gedanken im allgemeinen Einzelerziehung im Auge hatte. Deshalb ſoll man ſich alſo hüten, ſeine Ideen ohne weiteres auf moderne Schul⸗ und Maſſenerziehng zu übertragen. Bei der pädagogiſchen Provinz in Wilhelm Meiſter darf man ferner nicht vergeſſen, daß es ſich, mag auch im einzelnen noch ſo viel pädagogiſche Weisheit darin verborgen liegen, doch im ganzen, zumal in den praktiſchen Einrichtungen, in der Verwirklichung der pädagogiſchen Ideen um Utopien, um einen dichteriſchen Traum handelt; wenn moderne Schwärmer dieſem Roman das Programm für die Zukunftsſchule entnehmen wollen, ſo kann der praktiſche Erzieher, der auf dem Boden des wirklichen Lebens ſteht, bei aller Begeiſterung für Freiheit und Recht der Selbſtentfaltung, bei aller Achtung vor Eigenart und Perſönlichkeit, doch nur ungläubig lächeln. Außerdem will es mir ſcheinen, daß Goethe nicht ſowohl den Standpunkt des Abbé als vielmehr den Nataliens teilt, und daß, wenn er auch in einem Ausnahmefall wie bei Wilhelm den Erzieher ſich den Neigungen des Kindes nach Möglichkeit anſchließen läßt, er doch im allgemeinen für eine planmäßige Erziehung nach bewußten Grundſätzen iſt.


