Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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Mit dieſer ſeiner Mahnung zu nützlicher Arbeit nun ſteht Goethe im bewußten Gegenſatz zu dem eben vollendeten Jahrhundert, zu einem Zeitalter, das, weil es zu wenig Aufgaben im praktiſchen, bürgerlichen und ſtaatlichen Leben fand, aller praktiſchen Arbeit abhold, in Gefühlen ſchwelgte und wie einſt der alte Spartiat verächtlich auf den Handwerker, geſchweige den Arbeiter herabſchaute, ja überhaupt den bürgerlichen Beruf als ein Hemmnis für den freien Flug der Gedanken anſah und ihn proſaiſch, nüchtern und unerträglich fand, wenn er nicht Zeit ließ, die Schönheit der Perſönlichkeit zu kultivieren,vergnüglich in den uferloſen philoſophiſch⸗äſthetiſchen Wäſſern zu plätſchern.

Dicht unter die Worte Jean Pauls, die ein Freund ſeinem Enkel Walter ins Stammbuch geſchrieben:Der Menſch hat drittehalb Minuten, eine, zu lächeln, eine, zu ſeufzen, eine halbe, zu lieben, denn mitten in dieſer Minute ſtirbt er ſchrieb Goethe in gerechtem Zorn:

Ihrer ſechzig hat die Stunde, Über tauſend hat der Tag. Söhnchen, werde dir die Kunde, Was man alles leiſten mag.

Heraus aus dem Selbſtgenießen, aus dem Schwelgen in Gefühlen, zu friſcher, fröhlicher Tat, das muß die Deviſe der neuen Zeit werden.Verſuche deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir iſt. Was aber iſt deine Pflicht? Die Ausnutzung des Tages!Wer die Minuten ausnutzt kann Geiſtesmillionär werden.Nur arbeiten und wirken, ob man Töpfe macht oder Schüſſeln, das bleibt ſich gleich.Du im Leben nichts verſchiebe! Sei dein Leben Tat um Tat!*)

Aus allem, was wir angeführt haben, ergibt ſich deutlich, daß Goethe einerſeits unter dem mächtigen Einfluß des großen Genfers ſteht, der der Welt gepredigt hatte, daß alles gut ſei, wie es aus der Hand des Schöpfers hervorgehe, daß man deshalb nur ruhig die Natur walten laſſen müſſe. Den Weg der Erziehung alſo hat Rouſſeau unſerem Dichter gewieſen. Schonung der Eigenart, wachſen, ſich entwickeln laſſen iſt auch Goethes oberſtes Geſetz geblieben.**) Außer den natürlichen Anlagen aber kommt viel mehr als die Erziehung die perſönliche Erfahrung, das Leben in Betracht.Der größere Teil unſeres Wiſſens beruht nicht auf gelehrter und Schulbildung, ſondern wird uns durchs Leben vermittelt.Wir bringen wohl Fähigkeiten mit, aber unſere Entwickelung verdanken wir tauſend Ein⸗ wirkungen einer großen Welt, aus der wir uns aneignen, was uns gemäß iſt.Der Menſch erkennt ſich nur im Menſchen; nur das Leben lehrt jeden, was er ſei.Ein edler Menſch kann einem engen Kreiſe nicht ſeine, Bildung danken. Vaterland und Welt muß auf ihn wirken.Es bildet ein Talent ſich in der Stille, ſich ein Charakter in dem Strom der Welt.

Hinſichtlich des Zieles aber war der junge Goethe ebenſo wie Wieland, Herder, Schiller, Fr. Auguſt Wolf, Jean Paul den Ideen Winckelmanns gefolgt, der zwar in der Theorie dem griechiſchen Bildungsideal der Kalokagathie, des ſittlich guten, körperlich und geiſtig ſchönen Menſchen huldigte, in Wirklichkeit freilich die geiſtige Bildung, die Vielwiſſerei ſo ſtark in den Vordergrund drängte, daß er die körperliche und ſittliche Bildung arg vernachläſſigte und praktiſche Tüchtigkeit in einem beſtimmten bürgerlichen Beruf gar nicht in Rechnung zog. Man denke nur an den jungen Goethe, der zugleich

*)man ſagt, die Lebenszeit iſt kurz, allein der Menſch kann viel leiſten, wenn er ſie zu benutzen weiß. Ich habe keinen Tabak geraucht, nicht Schach geſpielt, kurz, nichts getrieben, was die Zeit rauben konnte. Ich habe immer die Menſchen bedauert, die nicht wiſſen, wie ſie die Zeit zubringen können.

**) Die Naturanlage iſt ihm eine dämoniſche Kraft,der Dämon hält ſich durch alles durch, und dieſes iſt dann die eigentliche Natur, der alte Adam, und wie man es nennen mag, der, ſo oft auch ausgetrieben, immer wieder un⸗ bezwinglicher zurückkehrt. Wilhelm, Felix, Mignon finden mehr Beſchützer, Förderer als Erzieher.