Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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Auch in religiöſer Beziehung durchlebt der Knabe die Entwickelungsſtufen der Menſchheit. Nur die hiſtoriſche Betrachtungsweiſe bewahrt den Menſchen vor Einſeitigkeit und überhebung. Auf der heidniſch-ethniſchen Stufe, die in dem Judentum ihren Höhepunkt erreicht, lernt er die Ehrfurcht vor dem, was über uns iſt; in der philoſophiſchen die Ehrfurcht vor dem, was uns gleich iſt; in der chriſtlichen endlich die Ehrfurcht vor dem, was unter uns iſt, vor Schmach, Elend und Tod. So gelangt er zum letzten und höchſten, nämlich Ehrfurcht vor ſich ſelbſt zu haben, das Göttliche in ſich zu finden, wodurch allein er befähigt wird, auch alles außer ſich als von Gott durchdrungen zu erkennen.

Was iſt nun das Ziel der Erziehung in der pädagogiſchen Provinz? Es gilt friſche und geſunde, harmoniſch entwickelte und zufriedene, arbeitsfähige und arbeitsfreudige, demütige und doch ihres Werts ſich bewußte, ehrfürchtigfromme und doch innerlich ſelbſtändige Menſchen, freie Perſönlichkeiten zu bilden. Ja, die aus Anlagen und Eigenart voll entwickelte Perſönlichkeit, das iſt die reife Frucht aller Erziehung von Haus, Schule und Leben.*)Höchſtes Glück der Erdenkinder iſt doch die Perſönlichkeit. Der Weg aber zum Ziele wird bezeichnet durch die beiden Begriffe: Arbeit und Entſagung. Arbeit, um Nutzen zu ſchaffen und ſelbſt wahre Befriedigung zu finden, Entſagung durch Beſchränkung und Konzentration, durch Opfern von Beſitz und Unterordnung, durch Bezwingung des eigenen Ich, indem man aus einem Ichmenſchen zum Gemeinmenſchen, aus dem Egoiſten ein Altruiſt wird. Alle müſſen ſich als ſolidariſch, als Sozialmenſchen fühlen, und nicht nur das materielle Wohl, neinauch die ganze ſittliche und geiſtige Exiſtenz des Mitmenſchen, die nicht durch das tägliche Brot befriedigt wird, ſoll ſich dem anderen auf das Gewiſſen legen. Wir erkennen den prophetiſchen Geiſt, der die großen Aufgaben des neuen Jahrhunderts ahnt. Goethe zieht die Konſequenzen der großen Revolution und beginnt Vorurteile wegzuräumen, Klüfte zu überbrücken, den Menſchen den Gedanken der Brüderlichkeit näher zu bringen. Indem er klaren Blickes die Weiterentwickelung der Kultur⸗ völker, den kommenden Wettbewerb der deutſchen Nation mit England und Amerika richtig vorausſieht, würdigt er die praktiſche Berufstätigkeit, die gewerbliche Arbeit Arbeit, Tätigkeit im Dienſte der Menſchheit, das iſt das letzte Geheimnis irdiſcher Glückſeligkeit des einzelnen wie ganzer Völker.

Und dein Streben ſei's in Liebe, Und dein Leben ſei die Tat.

. Die Erziehungsart der Hydrioten iſt ihm in gewiſſem Sinne die beſte.Als Inſulaner und

Seefahrer, ſagt er,nehmen ſie ihre Knaben gleich mit zu Schiffe und laſſen ſie im Dienſte heran⸗ krabbeln. Wie ſie etwas leiſten, haben ſie teil am Gewinn, und ſo kümmern ſie ſich ſchon um Handel, Tauſch und Beute, und es bilden ſich die tüchtigſten Küſten⸗ und Seefahrer, die klügſten Handelsleute und verwegenſten Piraten, die den verderblichen Brander mit eigner Hand an das Admiralſchiff der feindlichen Flotte feſtklammern.

Das iſt die Quinteſſenz der Wanderjahre. Und ſo klingt die pädagogiſche Lehre des 80 jährigen Dichters an das Ergebnis ſeines Fauſt an, den er uns als die Summe ſeiner Weisheit, ſeines Lebens hinterlaſſen hat. Das üppige pädagogiſch-didaktiſche Gerank, das in langer, locker gefügter Handlung dieſen Kern oft faſt verhüllend umſpinnt, kurz das ganze Gewand, in das er ſeine Gedanken hüllt, iſt Poeſie, ein poetiſcher Traum. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß wir einen pädagogiſchen Roman, nicht ein philoſophiſches Syſtem vor uns haben.

*) Komplett aber kann auch der geringſte Menſch ſein,wenn er ſich innerhalb der Grenzen ſeiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt.